Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum siebten Kapitel: Tun.

Wer dem Zufall keinen Raum gibt und ihn grundsätzlich außen vor lässt, schließt damit eine der zuverlässigsten Quellen für Inspiration von vornherein aus. Zunächst klingt das paradox, denn Zufall ist im Allgemeinen nicht zuverlässig; Er tritt nicht regelmäßig auf und ist genauso wenig vorhersehbar. Trotzdem erkennt man beim Betrachten einzelner Inspirationsmomente, dass ein erstaunlich großer Teil davon auf zufälligen Ereignissen beruht. 

Aber wie trifft man in der alltäglichen Arbeit auf diese seltenen Inspirationsquellen? Zum einen können Zufälle bewusst durch Experimente und Versuchsreihen gelockt werden. Dass etwas Außergewöhnliches dabei passiert, ist nicht garantiert, die Chancen steigen dadurch aber markant. Der Wissenschaftshistoriker Jörg Rheinberger schreibt:

»Überraschungen im Experiment sind so etwas wie ausgelagerte Inspirationen. Experimentalanordnungen sind also letztlich Inspirationsmaschinen.«

Hans-Jörg Rheinberger: Zeit zu Schreiben, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 126

Auf den Gebrauch von tatsächlichen Inspirationsmaschinen würde ich ungern verzichten.

Ein zweiter Weg, um Zufällen häufiger zu begegnen, ist das Ändern der eigenen Haltung ihnen gegenüber. Wer immer die volle Kontrolle über alle Situationen behält, reduziert das Auftreten von Zufällen logischerweise auf ein Minimum. Wenn diese Kontrolle aber zeitweise kontrolliert abgegeben wird, zum Beispiel durch das bewusste Nicht-Planen von bestimmten Arbeitsschritten, gibt man dem Zufall einen geschützten Rahmen, in dem er erscheinen kann und hoffentlich auch wahrgenommen wird. In dieser Situation ändert sich die eigene Rolle vom aktiven Gestalter zum passiven Beobachter.

»Das unberechenbare Ereignis geschieht von selbst; das Subjekt ist statt Schöpfer eher ein Registrator, der diesen Zufall zulässt«, schreibt Andreas Reckwitz. 

Andreas Reckwitz: Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Berlin: Suhrkamp Verlag 2014, S. 99

Schon der antike römische Dichter Ovid erkannte die unberechenbare Kraft des Zufalls. Er sagte einmal:

»Lass deinen Haken immer ausgeworfen: Im Teich werden dort Fische sein, wo du sie am wenigsten erwartest.«

Thomas Poschauko und Martin Poschauko: Nea Machina. Die Kreativitätsmaschine. Next Edition, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2013, S. 99

Man muss ein wachsames Auge haben, um Zufälle im Alltag zu erkennen. Wichtig ist aber auch, dass man sie nicht nur wahrnimmt und nach kurzer Zeit wieder vergisst. Man sollte sie aufnehmen, über sie nachdenken und sie im besten Fall in seinem nächsten Projekt verarbeiten.

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