Zeitgeist

Zeitgeist

Dieser Essay entstand für die erste Ausgabe des Zeitgeist-Magazins von Annika Soja und Lena Manger.

Gerade heute – in einer sich ständig verändernden Welt – ist es für den kreativ Arbeitenden besonders wichtig, ein Gespür für den aktuellen Zeitgeist zu entwickeln und sich immer wieder zu fragen: Welche Priorität gebe ich diesem Zeitgeist in meiner persönlichen Gestaltungsarbeit? 

Über Soziale Medien und das Internet sehen wir täglich die neusten Arbeiten bekannter und weniger bekannter Gestalterkollegen. Wir versuchen stets, uns ein breit diversifiziertes Social-Media-Portfolio aufzubauen, um täglich mit unterschiedlichsten, gestalterisch anspruchsvollen und vor allem innovativen visuellen Reizen »gefüttert« zu werden. 

Das Ziel dabei: Neue Strömungen und Trends so schnell wie möglich zu erkennen, auf den Zug aufspringen zu können und vielleicht sogar – bei besonders motivierten Gestaltern – diese Trends beim Damit-Arbeiten weiterzuentwickeln, um wieder neue Trends zu setzen. Im Allgemeinen wird der Begriff Zeitgeist und der Versuch, am Puls der Zeit zu sein, heute auf diese Weise verwendet.

Begriff: Zeitgeist

In der deutschen Sprache bildet, bei zusammengesetzten Wörtern, die letzte Vokabel das sogenannte Grundwort. Die vorangestellte Vokabel nennt sich Bestimmungswort und beschreibt die darauf folgende genauer. 

Zwei Beispiele: Ein Kühlschrank ist grundsätzlich ein Schrank. Ein Kühlschrank ist aber kein gewöhnlicher Schrank, sondern einer, der die, in ihm aufbewahrten, Gegenstände auf eine bestimmte Temperatur abkühlt. Ein Handschuh wiederum ist kein gewöhnlicher Schuh, sondern einer, der über die Hand gezogen wird und diese schützt bzw. wärmt. 

Im Falle des Zeitgeistes bildet also der Geist das Grundwort und die Zeit das, den Geist genauer beschreibende, Bestimmungswort. Sehen wir uns diese beiden Vokabeln ein wenig genauer an.

Begriff: Geist

Der Begriff Geist ist komplex und schwierig zu verstehen – in der Philosophie und in der Theologie haben sich schon viele kluge Menschen daran versucht und dabei unterschiedliche Anschauungen und abstrakte Konzepte entwickelt. Eine relativ bekannte Theorie – welche ich durchaus nachvollziehen kann – ist dabei die, dass der Mensch im Grunde aus drei Teilen besteht: Körper, Seele und Geist. 

Der Körper bildet dabei den physischen Teil des Menschen. Alles was wir sehen, riechen, hören, schmecken oder tasten können wird vom Körper wahrgenommen. 

Die Seele wiederum nimmt alles wahr, was wir fühlen, empfinden oder denken. Begriffe wie Verstand, Wille, Gefühle und Gewissen werden beispielsweise der Seele zugeordnet. Und schließlich bildet der Geist das Innerste eines Menschen. 

Der Geist kann weder körperlich noch emotional wahrgenommen werden und ist deshalb so schwer zu begreifen. Dinge zum Beispiel, an die man tief im Inneren glaubt aber nicht beweisen kann, die vielleicht auch wissenschaftlich nicht zu erklären sind, trägt man im Geist. Erst wenn man sich intensiv mit diesen »geistlichen Realitäten« auseinandersetzt und darüber nachdenkt oder meditiert, können diese Gedanken in die Seele vordringen und emotional erfasst werden.  

Begriff: Zeit

Viel einfacher zu verstehen ist das, was hinter dem (ebenfalls abstrakten) Begriff der Zeit steckt, da sich jeder von uns täglich damit auseinander setzen muss. Ich würde die Bedeutung des Wortes in drei Kategorien unterteilen, wobei zwei davon objektiv zu verstehen sind und eine subjektiv. 

Zum einen gibt es da die grundsätzliche, fest verankerte Zeitrechnung. Es gibt nur eine richtige Uhrzeit und ein korrektes Datum an jedem Ort auf dieser Welt und es gibt festgelegte Variablen, um diese zu messen: Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate, Jahre – diese Zeit schreitet für jeden gleich schnell und regelmäßig voran, man kann nichts dagegen tun. 

Als zweites gibt es allgemeine Zeitabschnitte, in denen man sich gerade befindet, welche aber meist erst im Rückblick als solche definiert werden. Ausdrücke, die man aus dem Geschichtsunterricht kennt, wie die Steinzeit oder die Antike, die goldenen Zwanziger oder die große Depression fallen beispielsweise unter diese allgemeinen Zeitabschnitte. 

Schließlich würde ich noch das subjektive Zeitempfinden und die individuelle Zeiteinteilung als dritte Kategorie mit in die Liste aufnehmen. Sätze wie »Die Zeit ist wie im Flug vergangen« oder »Dafür habe ich keine Zeit« beschreiben Gefühle und Prioritäten, die man mit der persönlich verfügbaren Zeit verbindet.

Es geht also beim Begriff des Zeitgeistes entweder um den Geist der festgelegten Zeitrechnung, um den Geist eines allgemeinen Zeitabschnitts oder um den Geist der persönlichen Zeitaufteilung. Ich würde sagen, dass wir in den allermeisten Fällen vom Innersten eines allgemeinen Zeitabschnitts sprechen. 

Den Zeitgeist erkennen

1. Die Zeit erkennen

Doch wie erkennt man den aktuellen Zeitgeist, wenn man zum einen jetzt noch nicht genau sagen kann, in was für einem Zeitabschnitt man sich gerade befindet, und zum anderen diesen Geist weder körperlich noch emotional wahrnehmen kann? Man könnte versuchen, das große Bild, also den gesamten Zeitabschnitt, in kleinere Etappen zu unterteilen. 

Es ist wie bei der Besteigung eines hohen Berggipfels über steinige Trampelpfade und steile Naturtreppen. Ein Anfänger sollte sich immer auf den nächsten Schritt konzentrieren aber trotzdem das große Ziel nicht aus den Augen verlieren. 

Wenn er beim Gehen zu viel auf die Landschaft rechts und links des Pfades achtet und nicht bewusst einen Schritt nach dem anderen geht, steht in der Gefahr, vom Weg abzurutschen und sich dabei schwer zu verletzen. 

Wenn er aber auch beim Gehen nicht immer das gesamte Bild vor Augen behält und nicht weiß, welche Strecke er noch vor sich hat, steht in der Gefahr, von Beginn an das falsche Tempo zu wählen. Entweder wird er dann nie ankommen oder am Ende keine Kraft mehr dafür haben, den Gipfel zu erreichen. 

Erst wenn er auf diese Weise eine Weile vorangegangen ist, sich dann umdreht und die zurückgelegte Strecke betrachtet, erkennt er, in was für einer Umgebung er sich die ganze Zeit befunden und mit welchen Kurven und Steigungen sich der Weg durch die Landschaft gezogen hat. Je näher er dem Ziel kommt, desto mehr wird vom gesamten Bild sichtbar. 

Ein geübter Bergwanderer dagegen kann durch seine Erfahrung von Anfang an besser einschätzen, wie er seine nächsten Schritte zu gehen hat und wie der Rest des Weges voraussichtlich verlaufen wird. Er kann schon während der Wanderung immer wieder nach rechts und links schauen und die Landschaft genießen und wird zudem schneller und ausgeglichener am Gipfel ankommen. 

2. Den Geist erkennen

Im Rückblick ist es immer einfacher zu sagen, was eine Zeit geprägt hat und was im Kern wirklich wichtig war. Wer aber tatsächlich den Geist der Zeit erkennen möchte, während er sich noch mitten in diesem Abschnitt befindet, sollte sich zunächst einmal regelmäßig mit dem eigenen Geist befassen. 

Man wird so langsam ein Gefühl für das »Geistliche« und die nächsten Schritte entwickeln und irgendwann so souverän im Umgang damit sein, dass es immer einfacher wird, den Geist der Zeit zu erkennen und mit ihm zu arbeiten. 

Dass diese Konzentration auf das Innerste aber auch nicht immer einfach ist, und dass viele mit dieser Fähigkeit zu kämpfen haben, zeigt uns auch die Tatsache, dass aus einem Bibelvers die bekannte Redewendung wurde: »Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.« (Die Bibel, Mt. 26,41 / Mk. 14,38) Jesus ermahnte damals schon seine Jünger zu mehr Achtsamkeit und warnte sie davor, sich zu sehr von ihrer »menschlichen Natur« – wie das »Fleisch« in neueren Bibeln übersetzt wird – ablenken zu lassen.

3. Den Zeitgeist erkennen

Zusammenfassend geht es also beim Begriff des Zeitgeistes im Kontext der Gestaltung nicht um irgendwelche Trends, wie (im Moment vielleicht) die Reduktion der verwendeten Arbeitsmaterialien, die technisch fortschrittliche Überarbeitung altbewährter Kommunikationsmittel oder eine starke Form der Abstraktion, bis hin zur Verschmelzung von Design und Kunst. 

Das Erkennen und Beachten solcher Trends hat durchaus seine Berechtigung und ist mit Sicherheit auch wichtig für den zeitgenössischen Gestalter. Diese Trends bilden aber höchstens das äußere Erscheinungsbild bzw. den Körper oder das Gefühl bzw. die Seele eines Zeitabschnitts ab. 

Wer den Geist – also das Innerste – einer Zeit wirklich erkennen will, muss ein wenig tiefer graben und mehr tun, als im Internet nach den neusten Arbeiten der Gestaltungswelt Ausschau zu halten.

Gerade heute – in einer sich ständig verändernden Welt – ist es für den kreativ Arbeitenden besonders wichtig, ein Gespür für den aktuellen Zeitgeist zu entwickeln und sich immer wieder zu fragen: Welche Priorität gebe ich diesem Zeitgeist in meiner persönlichen Gestaltungsarbeit?


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ist Diplom-Kommunikationsdesigner aus dem Süden Deutschlands. Seit Januar 2019 schreibt er auf diesem Blog zum Thema Inspiration.

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