Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum siebten Kapitel: Tun.

Nicht nur diese weichen, vom Unterbewusstsein gesteuerten und nicht wirklich kontrollierbaren Fähigkeiten können optimiert werden, auch konkrete Sichtweisen, Rituale und Gewohnheiten kann man so verändern, dass Inspiration im Arbeitsalltag häufiger wird. Festgesetzte Regeln gibt es hier nicht, meist sind es nur Erfahrungen anderer Kreativer, die für die eigenen Bedingungen angepasst oder übernommen werden können.

Die Wahl der richtigen Arbeitszeit ist unter schöpferisch Tätigen die wahrscheinlich am häufigsten diskutierte, beziehungsweise vermutlich der Punkt mit den wenigsten Gemeinsamkeiten verschiedener Personen. Wenn man sich die Arbeitsgewohnheiten von Künstlern der vergangenen Jahrhunderte anschaut, erkennt man schnell, dass die Tageszeit, in der gearbeitet wurde, unterschiedlicher nicht hätte sein können. Der eine arbeitet ganz geregelt von neun Uhr morgens bis achtzehn Uhr abends und macht dazwischen eine Stunde Mittagspause, der nächste arbeitet immer wieder spontan über den Tag verteilt, wenn ihn gerade wieder einmal die Muse küsst. Und der dritte arbeitet grundsätzlich nur nachts und am Wochenende, weil er tagsüber einer anderen Beschäftigung nachgeht. Eine einzige vorgeschriebene Tageszeit, in der am kreativsten gearbeitet werden kann, scheint es also nicht zu geben. Auch der italienische Schriftsteller Umberto Eco sagte 2008 in einem Interview:

»Es gibt keine Regeln. Ich könnte unmöglich einem Zeitplan folgen. Manchmal schreibe ich schon um sieben Uhr morgens und bin erst um drei Uhr nachts fertig, und zwischendrin esse ich nur ein Brot. Manchmal habe ich überhaupt kein Bedürfnis, zu schreiben.« 

Zitiert in Mason Currey: Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2014, S. 118

Aber trotz der sehr unterschiedlichen Arbeitsgewohnheiten der verschiedenen Künstler, gibt es doch eine Tageszeit, in der der Mensch am kreativsten ist. Diese Zeit variiert aber bei jedem Menschen und kann deshalb nicht pauschal festgelegt werden. Die Neurowissenschaftler John Kounios und Mark Beeman schreiben in ihrem Buch, dass das Gehirn in unterschiedlichen Wachzuständen auch unterschiedlich arbeitet. In der persönlichen Spitzenzeit und bei voller Konzentration arbeitet das Gehirn sehr analytisch und fokussiert. Während eines Leistungstiefs dagegen lässt die Konzentration nach und der bewusste Verstand gibt dem Unterbewusstsein mehr Raum zu Wort zu kommen. Dadurch wiederum haben ungewöhnliche Einsichten und Eingebungen eine größere Chance, an die Oberfläche zu gelangen.

»Für die Kreativität ist Ihre Sternstunde also buchstäblich Ihr Tagestiefpunkt«, schrieben die Wissenschaftler.

Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 211

Erhart Kästner hat dieses Phänomen auch schon unter christlichen Mönchen beobachtet. Die Mönche Fidelis Ruppert und Anselm Grün schreiben in Bete und arbeite über die Untersuchungen des deutschen Schriftstellers:

»Erhart Kästner, der Athosmönche beobachtet, wie sie müde und verschlafen zur nächtlichen Liturgie kommen, schreibt in seinem Buch ›Die Stundentrommel vom Heiligen Berge Athos‹, in der Müdigkeit sei man aufnahmefähiger als sonst, bei gedrosselten Sinnen steige das Eigentliche herauf, Schwäche mache offener und die Müdigkeit erzeuge ›jenen Zustand großer Empfängnis, der nur das Wenige einläßt‹.«

Anselm Grün und Fideles Ruppert: Bete und arbeite. Eine christliche Lebensregel, Münsterschwarzach Abtei: Vier-Türme-Verlag 1996, S. 14

Aus diesem Grund hat auch das Fasten eine lange Tradition im christlichen Glauben; Die körperliche Schwäche, in die man sich selbst durch den Verzicht auf Nahrung versetzt, macht einen offener und empfänglicher für das übernatürliche Wirken Gottes.

Das Schlechte an der eigentlich sehr positiven Tatsache, dass Kreativen in der Regel ihr Beruf Spaß macht, ist, dass bei der Arbeit oft und gerne die Zeit vergessen wird und abends nicht mehr Schluss gemacht werden kann. Der britische Designer und Grafik-Künstler Anthony Burrill warnt in seinem Buch Do It Now! genau vor dieser Anziehungskraft, ständig arbeiten zu müssen.

»Spät am Abend zu arbeiten ist immer verlockend«, schreibt er, »es ist eine produktive Zeit, da weniger Ablenkungen vorhanden sind. […] Aber die Disziplin zu haben, sich dafür zu entscheiden, nicht zu arbeiten, ist auch sehr wichtig.«

Anthony Burrill: Make it Now! Creative inspiration and the art of getting things done, London: Virgin Books 2017, S. 120 (von mir übersetzt, Original: »Working late in the evening is always tempting, it’s a productive time as there are less distractions. […] But having the discipline to choose not to work is also very important.«)

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