Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum ersten Kapitel: Kreativität.

Mario Pricken beschreibt in seinem Buch Kribbeln im Kopf ebenfalls den kreativen Prozess von der Aufgabenstellung bis zur Umsetzung, jedoch geht er deutlich systematischer an die Sache heran. Begriffe, wie Inkubation, Illumination oder Verifikation, also alles Begriffe, die nicht ganz greifbar sind, sucht man bei Pricken vergeblich. Trotzdem lohnt es sich, einen Blick auf seine Sicht der Dinge zu werfen. Er nennt den Prozess Ideenmanagement.

Laut Pricken lässt sich der Prozess des Ideenmanagements in vier Bereiche unterteilen, die klar voneinander getrennt werden sollten: Briefing und Zielformulierung, Ideenfindung, Ideenweiterentwicklung und -auswahl sowie die Umsetzung. Im ersten Schritt sollten Informationen aus Briefing und Kundengesprächen auf eine Zielformulierung reduziert werden. In der zweiten Phase, der Ideenfindung, ist jedes Mittel recht, um am Ende einen möglichst großen Ideenpool zu haben. Der dritte Schritt dient der Bewertung und Weiterentwicklung der einzelnen Ideen, sodass am Ende, in Schritt vier, hoffentlich nur noch ein paar wenige geniale Ideen übrig bleiben, die dann umgesetzt werden können. Das Wichtigste bei Prickens Form des Ideenmanagements ist, dass man die Ideenfindung klar von der Ideenbewertung trennt. Nur so können ungewöhnliche, neue Lösungen zustande kommen. Und auch der Experimentalphysiker Anton Zeilinger verweist in seinem Essay Intensität noch einmal darauf, dass die Ideenbewertung nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte:

»Keineswegs stellt sich ja immer die Idee als gut heraus. Ideen haben eben eine hohe ›Säuglingssterblichkeit‹. Nur wenige überleben den ersten Tag ihrer Existenz.« 

Anton Zeilinger: Intensität, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 66

Seit den 1950er Jahren gibt es sogenannte Kreativtechniken, die bei der Entwicklung von Ideen helfen und der Kreativitätsförderung dienen sollen.

»So entwickelt Alex Osborn die Methode des Brainstorming als Kreativtechnik«, schreibt Andreas Reckwitz in Die Erfindung der Kreativität. »Osborn versteht die Produktion neuer Ideen als eine kollektive Anstrengung ganzer Teams und entwickelt einen Fragenkatalog, der ihre Ideenproduktion in Gang setzen soll.«

Andreas Reckwitz: Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Berlin: Suhrkamp Verlag 2014, S. 225

Nicht nur das Brainstorming, auch sehr viele andere Techniken, wie Mind Mapping, Brainwriting oder die Galeriemethode, sind heute gängige Vorgehensweisen, um in der Gruppe zu einem möglichst großen Ideenpool zu gelangen. Gruppenarbeit ist heutzutage so präsent und modern, dass sich viele gar keine Gedanken mehr darüber machen, ob sie überhaupt die beste Arbeitsweise in der jeweiligen Situation bietet. Auf die Vor- und Nachteile der Arbeit im Team werde ich aber später in Kapitel sieben noch einmal genauer eingehen. Die Kunst der Anwendung einer Kreativtechnik im Team bestehe jedenfalls darin,

»die hemmenden Faktoren innerhalb der Gruppe, vor allem das Risiko wechselseitiger Sanktionierung, zu vermeiden und die gegenseitige Anregung zu steigern«, schreibt Reckwitz.

Reckwitz 2014, S. 225

Aber nicht nur die gegenseitige Zensur, auch die Zensur im eigenen Kopf sei kontraproduktiv.

»Ins Stocken gerät der Ideenfluss meist nur dann, wenn einer der Teilnehmer Ideen in Gedanken für sich vorzensuriert«, schreibt Pricken.

Mario Pricken: Kribbeln im Kopf. Kreativitätstechniken für Werbung, Marketing & Medien, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2010, S. 23

Er bezeichnet diese Einschränkungen, die man sich selbst absteckt als Ideenkiller.

»Sie sind das Produkt übersteigerter Leistungserwartungen an uns selbst oder des Glaubens, sofort erstklassige Ideen präsentieren zu müssen – eine Strategie, die fast zwingend zum Versagen führt.«

Pricken 2010, S. 23

Das Wichtigste beim Entwickeln eines möglichst großen Ideenpools ist also immer, darauf zu achten, dass die Bewertung der eigenen oder der Ideen anderer erst nach Beendigung ihrer Findung geschieht. Wenn dann die Phase der Ideenfindung abgeschlossen ist und es an die Beurteilung der Vorschläge geht, sollte man sich daran zurückerinnern, dass der Kerngedanke von Kreativität das Schaffen von Neuem ist. Bewerten, ob eine Idee gut ist oder nicht, kann also nur der, der den Begriff Neues verstanden hat.

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