Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum ersten Kapitel: Kreativität.

»Wenn ich das Leben mit nur einem Wort definieren müsste, wäre es Leben ist Schöpfung«, sagte einmal der französische Physiologe Claude Bernard.

Zitiert in Wouter Boon: Defining Creativity. The Art and Science of Great Ideas, Amsterdam: BIS Publishers 2014, S. 15 (von mir übersetzt, Original: »If I had to define life in a word, it would be life is creation.«)

Ich finde, dass in diesem Satz sehr viel Wahrheit steckt. Zum einen: Leben ist Schöpfung. In fast allen Lebenslagen sind wir kreativ und müssen schöpferisch tätig werden, wie zum Beispiel beim einfachen, alltäglichen Kochen, wo wir verschiedenste Zutaten zu einem neuen Gericht kombinieren. Ganz ohne schöpferische Tätigkeiten wäre das Leben sehr fade oder vielleicht auch gar nicht möglich. Zum anderen: Schöpfung ist Leben. Zwei Theorien über die Schöpfung der Erde und das Entstehen menschlichen Lebens sind in unserer westlichen Gesellschaft am gängigsten. Einerseits ist da die Evolutionstheorie, die auf biologischen Forschungen von Wissenschaftlern des neunzehnten Jahrhunderts, wie Jean-Baptiste de Lamarck, Charles Darwin und Alfred Russel Wallace, beruht. Und andererseits ist da der schon viel ältere Schöpfungsbericht der Bibel.

»Wer kreativ ist, wird zum Schöpfer im Kleinen«,

Frank Berzbach: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen. Anregungen zur Achtsamkeit, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2016, S. 143

schreibt Frank Berzbach in Die Kunst ein kreatives Leben zu führen, und deshalb möchte ich in den folgenden Zeilen auf die beiden Theorien über den Prozess der Schöpfung kurz eingehen.

Die komplexe Entstehung der Welt durch den sogenannten Big Bang lässt sich vielleicht auf folgende Weise stark vereinfachen: Vor ungefähr 13,8 Milliarden Jahren ereignete sich eine riesige Explosion, aus der das Universum entstand. Eine geraume Zeit später, nämlich vor circa 4,5 Millionen Jahren, entstand unsere Erde, und schließlich vor etwa zweihunderttausend Jahren entstand der Homo sapiens, der Vorgänger des modernen Menschen. Alles aus einer Aneinanderreihung glücklicher Zufälle. Der biblische Schöpfungsbericht scheint dagegen grundlegend anders zu sein. Im ersten von insgesamt 31.171 Versen der Bibel heißt es:

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.«

Die Bibel (NLB), 1. Mose 1,1

Nach diesem Vers folgt ein Bericht, wie Gott nacheinander Tag und Nacht, Himmel und Wasser, Land und Meer, Pflanzen und Bäume, Sonne, Mond und Sterne, Fische und Vögel, alle anderen Tiere der Erde und schließlich – sozusagen als Krone der Schöpfung – den Menschen erschuf. Das alles tat er, im Vergleich zur Evolution, in nur sechs Tagen, sodass er sich am siebten Tag von seiner Arbeit ausruhen konnte.

Beide Versionen der Schöpfungsgeschichte sind also zunächst einmal extrem unterschiedlich in ihren Gesamtkonzepten, vor allem aber auch in ihren Entstehungszeiträumen. Wouter Boon schreibt in Defining Creativity:

»Was beide Akte der Schöpfung mit menschlicher Kreativität gemeinsam haben, ist, dass sie etwas Neues geschaffen haben.«

Boon 2014, S. 16 (von mir übersetzt, Original: »What both acts of creation have in common with human creativity is that they created something new.«)

Etwas Neues zu schaffen ist also das Grundprinzip von Schöpfung, genauso wie es das Grundprinzip von Kreativität ist. Ohne etwas Neues zu schaffen, wäre Kreativität sinnlos, Schöpfung wäre gegenstandslos. Boon schreibt weiter:

»Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der wissenschaftlichen und der christlichen Schöpfung der Erde; der Big Bang nutzte bestehende Bausteine, um das Universum zu erschaffen, Gott erschuf dagegen etwas aus dem Nichts.«

Boon 2014, S. 16 (von mir übersetzt, Original: »There is one important difference between the scientific and the Christian conception of our world; the Big Bang used existing building blocks to create the universe, while God created something out of nothing.«)

Da wir nicht göttlich sind, müssen wir, wenn wir etwas erschaffen, immer auf bestehende Bausteine zurückgreifen. Diese Bausteine können wir dann wiederum so kombinieren, dass etwas Neues entsteht. Wie beim Kochen mit verschiedenen Zutaten ohne Rezept oder beim Töpfern mit Ton. Ob etwas wiederum aus dem Nichts entstehen kann, überlegten sich die griechischen Philosophen schon vor zweitausend Jahren.

»Sie schlussfolgerten, dass es nicht möglich sei, und dass, was auch immer das Universum erschaffen habe, die Naturgesetze teilen sollte. Mit anderen Worten, etwas aus dem Nichts zu erschaffen, ist genauso möglich, wie einen Hasen aus einem leeren Hut heraufzubeschwören«, schreibt Boon. »Alles in unserem Universum, die Erschaffung des Menschen eingeschlossen, wurde aus bestehenden Bausteinen gebaut.«

Boon 2014, S. 16 (von mir übersetzt, Original: »They reasoned that this couldn’t be possible, and that whatever created the universe should share nature’s properties. In other words, creating out of nothing is as possible as conjuring a rabbit from an empty hat. Everything created in our universe, human creations included, is built with existing building blocks.«)

Wenn wir also den Theorien der antiken Philosophen glauben, müssen wir davon ausgehen, dass sich unser Universum aus bestehenden Bausteinen entwickelt hat. Wenn aber selbst Evolutionstheoretiker zugeben, dass der Big Bang nicht aus dem Nichts entstanden sein kann, und dass irgendetwas zuvor da gewesen sein muss, aus dem sich das Universum formen konnte, dann frage ich mich, woher dieses etwas – dieser erste bestehende Baustein – wohl gekommen sein könnte. 

Wer Gott mit menschlichen Maßstäben misst und denkt, Gott wäre durch Naturgesetze in seinem Handeln eingeschränkt, der hat meiner Meinung nach etwas nicht ganz verstanden. Natürlich ist es schwer zu verstehen, wie etwas aus dem Nichts erschaffen werden kann und für uns ist es sicher auch nicht möglich, so etwas zu tun, aber deshalb ist es ja auch Gott und nicht Mensch, dem die Schöpfung in der Bibel zugeschrieben wird. Der Gott, an den ich glaube, ist jedenfalls viel größer als alles, was wir uns jemals vorstellen könnten. Für ihn gelten keine Gesetze über Raum und Zeit, er hat sich die Prinzipien sogar selbst ausgedacht. Wie das Wort übernatürlich schon sagt, steht er über der Natur. Und das ist auch der Grund, warum es für mich keinen Widerspruch zwischen der biblischen Schöpfung in sechs Tagen und der Entstehung der Welt in mehreren Milliarden Jahren gibt. Wenn wir denken, wir könnten mit unseren kleinen menschlichen Gehirnen alles begreifen, stellen wir uns intellektuell auf die gleiche Ebene wie Gott selbst und machen ihn viel kleiner, als er ist. Ich glaube, dass Gott das kreativste Wesen ist, das jemals existierte und das jemals existieren wird, und ich glaube, dass es ihm Spaß macht, uns zuzusehen, wie wir uns über dieses Thema so den Kopf zerbrechen können und es am Ende doch nicht begreifen. Für mich ist Gott der Schöpfer dieser Welt und des ganzen Universums. Und er ist der Erfinder menschlichen Lebens.

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