Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum sechsten Kapitel: Abstand.

»Neulich habe ich eine ganze Kollektion nachts geträumt, ich habe sie am nächsten Morgen komplett aufzeichnen können, und es hat alles gepasst,« sagte Karl Lagerfeld in einem Interview mit dem Modemagazin Harper’s Bazaar.

Zitiert in Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 13

Sicher hat jeder schon einmal im Traum über ein bestimmtes Thema intensiv nachgedacht. Man hat vielleicht verschiedene Situationen eines anstehenden, schwierigen Gespräches gedanklich durchgesprochen oder vielleicht auch schon über die Gestaltung seiner nächsten Tagesaufgabe nachgedacht. Aber dass der Modeschöpfer wirklich eine komplette Kollektion im Schlaf geträumt haben soll, ist für viele schwer zu glauben. Es klingt eben auch nach einer guten Geschichte, die man sich bei einem Gläschen Wein erzählt, dass hinter der Kollektion keine monatelange Arbeit stecke, sondern einfach nur ein paar Stunden erholsamen Schlafes. Karl Lagerfeld ist mit seiner nächtlichen Eingebung aber keine Ausnahme. 

Die britische Popikone Paul McCartney erlebte 1964 etwas ganz Ähnliches. Als er eines Morgens aufwachte, war er sich sicher, im Traum eine Melodie gehört gehabt zu haben. Sofort stand er auf, setzte sich ans Klavier und spielte die Melodie nach. Später fügte er zur Tonfolge noch einen Text hinzu, und das weltberühmte und vielfach ausgezeichnete Lied Yesterday war geboren.

»Wenn du Glück hast, kommen sie einfach, und du brauchst sie sozusagen nur hinzuschreiben«, sagte er über seine nächtlichen Geistesblitze.

Zitiert in Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 121

Auch passend dazu schrieb der französische Philosoph René Descartes aus den Niederlanden, wo er bis kurz vor seinem Tod lebte:

»Und nachdem mein Geist im Schlafe durch Wälder, Gärten und verzauberte Orte gewandelt ist, wo ich jede nur erdenkliche Vergnügung erlebe, wache ich auf und vermenge die nächtlichen Träumerein mit denen des Tages.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 49

Es steht also zunächst einmal die These im Raum, dass im Schlaf kreative Durchbrüche durch Träume oder plötzliche Einsichten erreicht werden können. Zumindest gibt es ein paar berühmte Persönlichkeiten, die behaupten, das schon einmal erlebt zu haben. Die Wissenschaftler John Kounios und Mark Beeman gehen auf dieses Thema in ihrem Buch Das Aha!-Erlebnis genauer ein. Prinzipiell ist der Schlaf eine weitere Art der Inkubation. Wenn tagsüber intensiv über ein Problem nachgedacht wurde, können die Gedanken im Schlaf abschalten, und die »geistige Palette« kann gereinigt werden. Das Unterbewusstsein arbeitet dann ungestört weiter ohne die Einschränkungen, die der Verstand durch seine Erfahrung im Normalfall absteckt. Oft baut der Verstand Blockaden auf, die eine winzige Idee daran hindert ins Bewusstsein zu treten. Diese Blockaden können durch den Schlaf gebrochen und die Gedanken befreit werden, was Kognitionspsychologen dann Fixierungsvergessen nennen. Festgefahrene Ideen können abgelegt werden, und der Weg für ungewöhnliche Beziehungen ist wieder frei. Kounios und Beeman schreiben:

»Der Schlaf scheint die in einer Erinnerung entfernten Assoziation hervorzuheben. Solche versteckten Beziehungen, die in den Vordergrund treten, sind der Stoff, aus dem die Einsicht ist.« 

Beeman / Kounios 2015, S. 126

Pete Hamill, US-amerikanischer Journalist und Autor, schrieb über seine Erfahrungen mit Schlafinkubation:

»Ich legte mich hin und dachte über die fiktionale Geschichte nach, die ich schreiben wollte. Wenn ich eingeschlafen war, half mir mein Unterbewusstsein, eine Auswahl zu treffen, was ich schreiben wollte, und so hatte ich beim Aufwachen Energie und die Arbeit, die ich an diesem Tag für die Zeitung erledigt hatte, vergessen. Der kreative Nutzen eines Nickerchens wird absolut unterschätzt.«

Beeman / Kounios 2015, S. 124

Guter Schlaf ist also essenziell und kann die Chance auf ungewöhnliche Ideen deutlich erhöhen. Arno Frank schreibt in Mehr Musenküsse noch einmal über Karl Lagerfeld:

»Das Rezept für einen guten und inspirierenden Schlaf hat ihm seine Mutter schon als Kind beigebracht: ›Die ganze Welt muss einem egal sein. Dann schläft man sehr gut.‹«

Currey / Frank 2015, S. 16

Abends im Bett also noch auf mobilen Geräten Nachrichten zu lesen, Videos zu schauen oder auf Blogs und im Social Media zu surfen, bis man irgendwann so erschöpft ist und einschläft, scheint also kontraproduktiv für nächtliche kreative Durchbrüche zu sein. Besser wäre es da, einfach nur dazuliegen, den Geist für neue Ideen zu öffnen und die Gedanken schweifen zu lassen. Dass das nicht so einfach ist, wie es klingt, weiß ich aus eigener Erfahrung nur zu gut. 

Zusammenfassend kann es also gut sein, dass Lagerfeld und McCartney ihre nächtlichen Einsichten nicht aus dem Nichts heraus hatten. Vielleicht hatten sie schon lange über die Melodie beziehungsweise die Kollektion nachgedacht, die nächtlichen Stunden haben dann aber den letzten Impuls dazu gegeben, dass der Einsicht der Weg ans Tageslicht gelingen konnte. Ob es so war, oder ob es doch ein kurzer Moment übernatürlicher Inspiration war, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. 

»Schlafen Sie sehr viel. Und träumen Sie«, fordern Kounios und Beeman ihre Leser auf. »Vielleicht wird es Ihnen helfen, ein schwieriges Problem zu lösen. […] Aber selbst, wenn der zusätzliche Schlaf keine neuen Ideen hervorsprudeln lässt, wird er wenigstens dafür sorgen, dass Sie erfrischt und gut gelaunt sind […].«

Beeman / Kounios 2015, S. 143

Um unsere Webseite für dich optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhältst du in unserer Datenschutzerklärung.