Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum dritten Kapitel: Einfluss.

Die Suche nach Inspiration ist im heutigen Sprachgebrauch meistens eine Suche nach Anregungen, nach Einflüssen oder nach einem Stimulus, der einen auf neue Ideen bringt. Jeder kennt das: »Dieser eine Film hat mich total inspiriert! Diese Ausstellung dort ist so inspirierend! Dieses Stück war die pure Inspiration für mich.« Oft werden einem vielversprechende Tipps gegeben, wo und wodurch man inspiriert werden kann. Meistens enttäuschen diese Vorschläge dann aber doch wieder und erzielen nicht die versprochene Wirkung. Revolutionäre Ideen bleiben aus und ein erhoffter tranceartiger Zustand stellt sich erst recht nicht ein. Wahrscheinlich liegt das daran, dass der Mensch nunmal ein Individuum ist, und was bei dem einen garantiert immer funktioniert, bewirkt bei einem anderen eben nicht einmal ein kleines Wimpernzucken. Vielleicht sollte also jeder selbst auf die Suche gehen und sein ganz persönliches Patentrezept finden, das immer wieder funktioniert.

Das große Problem der Ideenfindung ist, dass die Einfälle meistens sofort gebraucht werden. Zunächst gibt es ein Problem oder eine Aufgabe, die es zu lösen gilt. Auf die Schnelle fällt einem dann nichts ein, also geht man kurz ins Internet und googelt das Ganze. Und dann passiert es: Sofort springen einem unzählige Bilder ins Auge, und das Gehirn versucht sofort alle Eindrücke zu verarbeiten und sie nach brauchbar und nutzlos zu filtern. Die Bilderflut erschlägt einen förmlich, doch vielleicht bringt einen das Gesehene auf einen Gedanken und inspiriert zu etwas, auf das man vorher nicht gekommen wäre. Das Wahrgenommene beeinflusst einen in seinem Denken und regt zu neuen Mustern an. Dieses Anregenlassen nennt sich dann Inspiration von außen; sie ist die erste Form der Inspiration in diesem Buch und vielleicht die weit verbreitetste in unserer Gesellschaft.

Natürlich ist Google vielleicht eher ein mangelhaftes Beispiel für guten Einfluss, wenn es um wirklich neue, noch nicht dagewesene Ideen geht. Auf ein paar andere, vermeintlich bessere Möglichkeiten und Hilfsmittel, durch Reize inspiriert zu werden, gehe ich in den nächsten Abschnitten genauer ein. Anhand mehrerer großer Berühmtheiten können wir sehen, wie diese kreativen Vorreiter mit Reizen im alltäglichen Leben umgegangen sind oder das heute noch tun. Gegebenenfalls können wir uns dann Gewohnheiten und Rituale von ihnen abschauen und sie in unserem eigenen Alltag einbauen. 

Der deutsche Cartoonist Thomas Körner beispielsweise richtet seine Aufmerksamkeit im Hintergrund permanent auf seine Umgebung.

»Gesprächsfetzen, Situationen auf der Straße, beim Einkaufen, Alltag beobachten. Und viel Fernsehen, Lesen, Surfen. Grundmaterial einlagern. Alles aufschnappen und speichern. Jeden Blödsinn«, erzählt er.

Zitiert in Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 149

Die Choreografin Twyla Tharp berichtet ebenfalls davon, dass sie versucht, die Reize aufzunehmen, denen sie im Alltag ausgesetzt ist, um so einen immer größeren, abrufbaren Vorrat an Eindrücken anzulegen. Über die Erzählung der US-amerikanischen Tänzerin schreibt Andreas Reckwitz:

»In ihrer Darstellung wird aus der beruflichen Kreativarbeit eine verallgemeinerte Arbeit an der subjektiven Ressource Kreativität, die weder Zufallsprodukt noch Ergebnis von Begabung oder einzelnen Techniken ist, sondern das Ziel eines auf Dauer ausgelegten Habitus, in dessen Rahmen die Umwelt beständig nach neuen Anregungen abgetastet wird: ›Alles nährt meine Kreativität.‹«

Andreas Reckwitz: Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Berlin: Suhrkamp Verlag 2014, S. 230

Der britische Schriftsteller Roald Dahl, dessen Werke für ihre ungewöhnlichen Enden bekannt sind, hatte seine Schreibhütte sehr speziell eingerichtet, sodass er reizvoll inspiriert arbeiten konnte. Arno Frank schreibt über ihn:

»Direkt neben seinem Schreibtisch waren auf einem weiteren Tisch absurde Gegenstände arangiert. Dazu zählte eine riesige Aspirintablette, sein eigener echter sowie ein künstlicher Hüftknochen, eine Kugel aus Alufolie, das Modell eines Jagdflugzeugs und eine Kleiderbürste zum Reinigen seiner mit grünem Stoff bespannten Schreibtischplatte von Radiergummiresten oder Asche.«

Currey / Frank 2015, S. 186

Wahrscheinlich lagen diese Gegenstände nicht zufällig da, sondern weil sie den Schriftsteller besonders anregten. Vielleicht sah er sich während dem Schreiben die Objekte immer wieder an und konnte sich auf diese Weise diese einzigartigen, seltsamen Geschichten ausdenken. 

Sich permanent vielen Reizen auszusetzen hat aber nicht nur Gutes. Es birgt immer auch die Gefahr, dass das Gute in seinem Übermaß schnell zu viel für uns werden kann. Reckwitz schreibt hierzu:

»Angesichts eines ›Reizüberflusses‹ droht die subjektive Aufmerksamkeit sich vom Strom der Reize abhängig zu machen und die Fähigkeit zur aktiven Konzentration von Aufmerksamkeit entsprechend zu schrumpfen.«

Reckwitz 2014, S. 351

Zu viele Eindrücke und Reize schwächen also unsere Konzentrationsfähigkeit. Je mehr Bilder und Eindrücke wir in uns aufnehmen, desto schwieriger wird es für unser Gehirn, diese Reize zu bewerten und sinnvoll zu verarbeiten. Doch nicht nur die Aufmerksamkeit leidet unter dem Überfluss an Anregungen, auch kann sich das Verlangen nach immer mehr Eindrücken zu einer Art Abhängigkeit entwickeln.

Reckwitz beschreibt dieses Phänomen als eine »Sucht nach neuen Wahrnehmungen um der Wahrnehmung willen.«

Reckwitz 2014, S. 353

Ich denke, jeder kennt dieses unbefriedigende Gefühl, wenn man sich wieder einmal nicht losreißen konnte und viel zu viel Zeit mit etwas verschwendet hat, das einem letztlich nichts gebracht und nur vom Wesentlichen abgelenkt hat. 

Bei einer gut reflektierten Anwendung jedenfalls regt die »Umarmung« der Reize, also das auf sich Einwirken Lassen der entsprechenden Umgebung, des Gesehenen oder des auf eine andere Art und Weise Wahrgenommenen, zum Nachdenken an und führt zu inspirierten Ideen. Im besten Fall erweitert sich der Horizont, neue Schubladen werden angelegt und Gedanken können fließen. Wie immer – und wie wir in den folgenden Abschnitten sehen können – gibt es Dinge, Situationen und Hilfsmittel, die dieses Nachdenken fördern, und solche, die das Gegenteil bewirken.

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