Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum dritten Kapitel: Einfluss.

Unterwegs zu sein kann auf zwei verschiedene Arten reizen. Zum einen ist da die Reise an sich, die einen durch verschiedene Eindrücke beeinflussen kann, ganz nach dem Motto der Weg ist das Ziel. Sei es bei einer Reise per Flugzeug, bei einer Schifffahrt, im Zug oder im Auto, durch das bewusste Heraustreten aus der gewohnten Umgebung öffnet man sich neuen Perspektiven und kann durch Reize inspiriert werden. Der Biologe Jörg Hacker schreibt dazu:

»Reisen – schon immer stellten sie ein probates Mittel der Inspiration dar. Lange Reisen nach Italien etwa oder kurze Routinefahrten von Weimar nach Belvedere, von Bonn nach Godesberg, von Charlottenburg nach Potsdam.«

Jörg Hacker: Zug fahren, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 128

Seinen Essay Zug fahren endet Hacker mit dem Ausruf:

»Zug fahren, Quelle der Inspiration!« 

Hacker in Markschies / Osterkamp (Hg.) 2012, S. 130

Der zweite Grund, warum eine Reise reizvoll sein kann, ist ihre Destination. Ein Ort, an dem man noch nie gewesen ist oder eine unbekannte Kultur, fordert einen heraus, die einfachsten Automatismen zu reflektieren und längst bewährte Rituale zu überdenken. Eine fremde Sprache zwingt einen dazu, einfachste Tätigkeiten, wie den Einkauf von Lebensmitteln, auf eine andere Art und Weise auszuführen als gewohnt. Wouter Boon schreibt dazu in Defining Creativity:

»Einer der besten Momente für den Verstand, neue Kombinationen zu machen, ist während eines Urlaubs, vorzugsweise an einem exotischen Ort. Erstens natürlich, weil es uns entspannt, in der Hängematte zu liegen […]. Zweitens, weil wir neuem kulturellem Wissen und Erfahrungen begegnen, was als Inspiration genutzt werden kann. Drittens, weil wir, wenn wir in unerwarteten Situationen sind, alle möglichen neuen Anregungen bekommen, die von unserer Wahrnehmung nicht wie gewohnt kategorisiert werden können, was das Gehirn dazu zwingt, neue Kategorien zu entwickeln.«

Wouter Boon: Defining Creativity. The Art and Science of Great Ideas, Amsterdam: BIS Publishers 2014, S. 98 (von mir übersetzt, Original: »One of the very best moments for a mind to make new combinations is during a vacation, preferably in an exotic place. First of all, of course, because lying in a hammock relaxes us […]. Secondly, because we encounter new cultural knowledge and experiences, which can be used as inspiration. Thirdly, because when we are in unexpected situations we receive all kinds of new stimuli that cannot be categorised by our perception the way we’re used to, which forces our brain to create new categories.«)

Wenn wir uns im Ausland aufhalten, prasseln so viele fremdartige und exotische Reize auf uns ein, dass wir eigentlich inspiriert nach Hause gehen müssen

Die Neurowissenschaftler John Kounios und Mark Beeman haben herausgefunden, dass sich dieses Phänomen noch verstärkt, wenn man sich nicht nur als Tourist für zwei Wochen im Ausland aufhält, sondern  über mehrere Monate in einer anderen Kultur lebt und arbeitet. Im Urlaub bekommt man es noch irgendwie hin, das Obst auf dem Markt mit Händen und Füßen zu erwerben und einem Taxifahrer den Weg zum Hotel zu erklären. Aber, wenn man dann Gasrechnungen bezahlen muss, wegen eines Insektenstichs eine Impfung braucht oder wegen des Internetanschlusses auf die Hilfe des Nachbarn angewiesen ist, lernt man Land und Leute noch einmal auf eine ganz neue Art kennen und wird von wirklich unbekannten Situationen und Reizen beeinflusst.

»Der multikulturelle Effekt erklärt, warum Immigranten eine derart reiche Quelle für kreative Talente sind, und warum so viele die altbewährte Praxis, im Ausland zu studieren, bereichernd fanden«, schreiben Kounios und Beeman. 

Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 235

Natürlich ist es nicht jedem möglich, spontan seine Arbeitsstelle und Familie zurückzulassen, um für ein halbes Jahr im Ausland zu leben, aber zumindest kleinere Reisen werden sich die meisten ab und zu leisten können. Es muss ja nicht gleich der Citytrip in eine große Metropole dieser Welt sein, der, wie man meint, sehr viele Reize bietet, es reicht ja auch ein Campingwochenende in den Bergen oder am See. Die Vielfältigkeit der Natur wird ohnehin viel zu oft unterschätzt.

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