Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum dritten Kapitel: Einfluss.

Wenn man es genau nimmt, sind Rauschmittel keine Reizmittel. Sie bringen im Regelfall selbst keinen Reiz hervor, der einen zu neuen Ideen inspirieren könnte. Was Rauschmittel aber können, ist, das Bewusstsein für das Aufnehmen von Reizen zu sensibilisieren und somit die Chance auf Inspiration durch Reize zu erhöhen. Aus diesem Grund sind sie mit in diesem Kapitel aufgeführt.

Es gibt sehr viele Künstler und Kreative in der Geschichte und der Gegenwart, die auf die bewusstseinserweiternde Wirkung von Rauschmitteln wie Drogen, Alkohol oder Nikotin setzen. Manche berichten von tranceartigen Zuständen und kreativen Durchbrüchen, andere wiederum erwecken eher den Eindruck, ohne die tägliche Dosis ihrer kleinen Hilfsmittelchen hätten sie keinen einzigen Tag überlebt. Und auch hier gibt es wieder Künstler, die gar nichts von der Sache halten und jede Art von Suchtmittel ablehnen. Arno Frank schreibt beispielsweise über die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg:

»Hilfsmittel wie Alkohol, Rauchwaren oder Musik hält sie für romantischen Dichterkitsch. Kaffee vermeidet sie und trinkt bei der Arbeit grünen Tee der Marke Thai Mountain.«

Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 143

Es gibt also solche und solche. Dass diese sogenannten Hilfsmittel funktionieren können und das Bewusstsein für die Aufnahme von Reizen empfindlich machen können, steht nicht zur Diskussion. Die Frage ist nur, wie stark die Wirkung ist, wie lange sie anhält und vor allem, zu welchem Preis sie das tut. 

Der Biograf Andrew Wilson zum Beispiel schreibt über die Schriftstellerin Patricia Highsmith, dass sie sich in Arbeitsstimmung versetzte, »indem sie es sich, umgeben von Zigaretten, Aschenbechern, Streichhölzern, einer Tasse Kaffee, einem Donut und einem Tellerchen mit Zucker, auf ihrem Bett bequem machte.«

Zitiert in Mason Currey: Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2014, S. 62

Annie Cohen-Solal berichtet über den maßlosen Genuss von Rauschmitteln des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean-Paul Sartre:

»Innerhalb von vierundzwanzig Stunden ernährte er sich von zwei Päckchen Zigaretten, mehreren Pfeifen mit starkem Tabak, über einem Liter Alkohol – Wein, Bier, Wodka, Whiskey und so weiter –, zweihundert Milligramm Amphetaminen, fünfzehn Gramm Aspirin, einigen Gramm Barbituraten und dazu von Kaffee, Tee und schweren Mahlzeiten.« 

Zitiert in Currey 2014, S. 44

Die französische Schriftstellerin George Sand war komplett gegen das regelmäßige Einnehmen von Rauschmitteln. In ihrer eigenen Autobiografie schrieb sie:

»Wenn es darum geht, den Gedanken Form zu verleihen, ob nun abgeschieden am Schreibtisch oder auf den Brettern einer Bühne, benötigt man vollständige Herrschaft über sich selbst.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 215

Außerdem bezweifelte sie, dass andere Künstler über längere Zeit berauscht arbeiten konnten.

»Man sagt, manche Künstler missbrauchten ihr Bedürfnis nach Kaffee, Alkohol oder Opium«, schrieb sie. »Ich glaube nicht so recht daran, aber sollte es manch einen doch amüsieren, unter dem Einfluss anderer Substanzen als dem seiner berauschenden Gedanken zu schreiben, so bezweifle ich, dass er diese Schmierstoffe auf Dauer einnähme oder gar damit hausieren ginge.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 214

Da ich persönlich viele der folgenden Stoffe selbst noch nicht ausprobiert habe, kann und will ich hier keine Empfehlung über die Wirksamkeit der einzelnen Produkte abgeben. Ich lasse lieber die Menschen zu Wort kommen, die offensichtlich mehr Erfahrung damit haben. Vor allem die beiden Bücher Musenküsse und Mehr Musenküsse von Mason Currey und Arno Frank waren mir bei dieser Zusammenstellung eine große Hilfe.

3.8.1 Alkohol

Es gibt kaum einen Schriftsteller, Komponisten oder Maler, der nicht mehr oder weniger regelmäßig Alkohol trank. Manche täglich ein Gläschen Wein zum Mittagessen, andere mehrere Flaschen über den Tag verteilt. Manche immer wieder ein Schlücken während der Arbeit, andere immer wieder Unmengen bis in die frühen Morgenstunden hinein.

Der Komponist Franz Liszt trank beispielsweise zum Mittagessen »nur wenig, dafür aber stetig bis in den Abend hinein; in den letzten Lebensjahren schaffte er eine oder zwei Flaschen Cognac sowie zwei bis drei Flaschen Wein täglich, dazu gelegentlich einen kleinen Absinth«, schreibt Currey.

Currey 2014, S. 239

Auch der US-amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald trank sehr viel während der Arbeit. Später gab er allerdings gegenüber seinem Verleger zu:

»Mir wird immer deutlicher, dass der akribische Aufbau eines langen Buches oder präzise Beobachtungen und Urteile sich nicht gut mit Alkohol vertragen.«

Zitiert in Currey 2014, S. 90

Wahrscheinlich hatten viele die Erfahrung gemacht, dass der Alkohol ihnen kurzfristig ungewöhnliche Denkmuster ermöglichte, sie selbst aber auf lange Sicht an Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer einbüßen mussten. Ich glaube, dass damals und auch heute die meisten regelmäßigen Trinker das Rauschmittel Alkohol aus anderen Gründen zu sich nehmen als um der Inspiration willen. Entweder aus Geselligkeit, um vor einer Sache davonzulaufen oder aus einer Abhängigkeit heraus, die sich inzwischen entwickelt hat. Auch der Bühnenautor Thornton Wilder gab zu:

»Ich trinke viel, aber nicht, weil es mir beim Schreiben hälfe.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 198

3.8.2 Drogen

Seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhundert wurden Drogen neben dem schon längst alltäglichen Alkohol ein sehr beliebtes Mittel, um der Kreativität auf die Sprünge zu helfen.

Der Jazztrompeter Louis Armstrong beispielsweise »rauchte fast täglich Marihuana, oder Gage, wie er es nannte, und machte keinen Hehl daraus, dass er es dem Alkohol vorzog«, schreibt Mason Currey.

Currey 2014, S. 174

Der US-amerikanische Schriftsteller Hunter S. Thompson nahm den Tag über ebenfalls sehr viele Drogen, unter anderem Marihuana, Kokain und Acid. Zusätzlich trank er noch reichlich Whisky und rauchte sein ganzes Leben lang.

Trotzdem erzählte er im Jahr 2000 »der Paris Review, ein Großteil seines Werkes sei nicht von Drogen oder ›Inspiration‹ angetrieben gewesen, sondern vielmehr von näherrückenden Abgabeterminen«, schreibt Currey in Mehr Musenküsse.

Currey / Frank 2015, S. 25

Wie Thompson ist auch Musiker Brian Eno nicht davon überzeugt, Drogen als Inspirationsmittel zu gebrauchen.

»Es hat keinen Sinn zu sagen ›Ich habe heute keine Idee, also werde ich ein paar Drogen rauchen‹«, meint er. »Du solltest wachsam auf den Moment warten, in dem die Dinge einfach bereit sind, miteinander zu kollidieren.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 213

Und Arno Frank berichtet über die Gewohnheiten des US-amerikanischen Cartoonisten Robert Crumb:

»Zu Beginn seiner Laufbahn verbrachte er fünf sehr intensive Jahre vor allem auf LSD, das er als Inspirationsquelle benutzte – bis die Quelle versiegte: ›Es funktionierte einfach nicht mehr. Der Rausch wurde banal, die sinnerschütternde, mystische Wirkung war verflogen. LSD begann schlicht, mich zu langweilen.‹«

Currey / Frank 2015, S. 150

Den Berichten zu Folge scheinen Drogen also langfristig kein gutes Inspirationsmittel zu sein.

3.8.3 Rauchen

Ein durchaus gesellschaftsfähiges Rauschmittel, und damit sozusagen des Alkohols kleine Schwester, ist das Rauchen. Seien es Zigaretten, Zigarren oder eine gepflegte Pfeife, über Jahrhunderte hinweg gehörte es zum guten Ton – auch unter Künstlern – regelmäßig am Glimmstängel zu ziehen. Die Wenigsten werden es wegen der inspirierenden Wirkung des Nikotins gemacht haben, sondern eher aus Gründen des Genusses oder der gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Aber auch hier gibt es Ausnahmen, wie der polnisch-deutsch-französische Maler Balthus behauptet.

»Ich verstand intuitiv, dass Rauchen meine Konzentrationsfähigkeit verdoppelt und ich so ganz in der Leinwand aufgehen kann«, erzählte er. »Jetzt, da mein Körper schwächer wird, rauche ich weniger, aber um nichts in der Welt wollte ich auf diese exquisiten Augenblicke der Kontemplation vor einem unvollendeten Bild verzichten, eine Zigarette zwischen den Lippen, die mir hilft, weiter einzudringen.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 156

Rau(s)chmittel können also durchaus auch eine inspirierende Wirkung haben und dabei helfen, Ungewöhnliches und ästhetisch Neues hervorzubringen. Langfristig geht es dann aber, wie alle Rauschmittel, auf die Gesundheit.

Was sich heute aber, trotz aller Ungesundheit, als ein großer Vorteil des Rauchens herausstellt, ist das zwangsläufige, regelmäßige Unterbrechen der eigenen Arbeit, um an die frische Luft zu gehen. Diese unfreiwilligen Pausen helfen dem Raucher, den Kopf frei zu bekommen und nach ein paar Minuten wieder erfrischt zurück an die Arbeit zu gehen. 

3.8.4 Medikamente

Chemisch hergestellte Medikamente waren unter einigen Kreativen ein weiteres beliebtes Mittel zur Ideengenerierung. Zum einen wurden sie als Verstärker für Reize gebraucht, zum anderen als Aufputschmittel um überdurchschnittlich lange Arbeitszeiten durchzustehen. Der Schriftsteller Graham Greene nahm beispielsweise zweimal täglich Benzedrin, um dem Druck standzuhalten, seine beiden Bücher Jagd im Nebel und Die Kraft und die Herrlichkeit im Jahr 1939 gleichzeitig zu schreiben. Auch der Schriftsteller Jack Kerouac schrieb fast immer unter Einfluss des Amphetamins.

»Benny [Benzedrin] hat mich viel sehen lassen«, berichtete er seinem Freund Allen Ginsberg in einem Brief. »Der Prozess intensivierter Aufmerksamkeit führt natürlicherweise zu einem Überfluss an alten Gedanken, und voilà, neues Material quillt hervor wie Wasser auf seinen üblichen Spiegel und macht sich selbst evident im Übersprudeln des Bewusstseins. Frisches Wasser!«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 104

Auch total überzeugt von der Wirkung des Medikaments war einer der bedeutendsten Mathematiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Paul Erdős arbeitete sehr viel und gönnte sich nur durchschnittlich drei Stunden Schlaf.

»Erdős verdankte seine beeindruckende Ausdauer hauptsächlich Amphetaminen – er nahm täglich zehn bis zwanzig Milligramm Benzedrin oder Ritalin«, schreibt Currey.

Currey 2014, S. 172

Nachdem ihn ein beunruhigter Freund dazu herausgefordert hatte, einen Monat ohne Amphetamine auszukommen, und er es tatsächlich geschafft hatte, klagte er:

»Jetzt weiß ich, dass ich nicht abhängig bin. Aber ich habe nichts geschafft. Ich bin morgens aufgestanden und habe aufs Papier gestarrt. Mir fiel nichts ein, wie einem normalen Menschen. Du hast der Mathematik einen Monat gestohlen.« 

Zitiert in Currey 2014, S. 172

Elizabeth Bishop versuchte sich an einem anderen Heilmittel.

»Sie nahm Kortison ein und entdeckte bald, dass das Medikament Schlaflosigkeit und eine Art kreative Euphorie verursachte«, schreibt Currey über die US-amerikanische Dichterin und Schriftstellerin.

Currey / Frank 2015, S. 183

Doch ihre Begeisterung hielt nicht besonders lange an.

»Bishop bekam Angst vor dem Einfluss des Medikaments auf ihre Gefühle und setzte es ab. Schlussendlich fand sie sich wohl mit ihrer langsamen, stockenden Arbeitsweise ab.«

Currey / Frank 2015, S. 184

Leider gibt es kaum Medikamente, die nicht auch eine beträchtliche Anzahl an Nebenwirkungen haben. Es sollte also gut überlegt sein, bevor diese Mittelchen als Inspirationsverstärker in Erwägung gezogen werden.

3.8.5 Zucker

Das letzte Rauschmittel unterscheidet sich ein wenig von allen bisher aufgeführten. Alle anderen haben bei regelmäßiger Einnahme über einen längeren Zeitraum deutliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Eine Abhängigkeit von Zucker dagegen kann hauptsächlich körperliche Beeinträchtigungen zur Folge haben: schlechte Zähne, Schwächung des Immunsystems, Angriff der Darmflora und Übergewicht. Trotzdem, oder gerade deswegen, gibt es Künstler, die auf Zucker als Rauschmittel schwören und die positive Wirkung bei der kreativen Arbeit versichern. Der Filmemacher David Lynch zum Beispiel erzählte 1990 einem Reporter von seinen langjährigen, täglichen Besuchen im Restaurant Bob’s Big Boy:

»Ich bestellte mir einen Schokoladenshake und vier, fünf, sechs, sieben Tassen Kaffee mit reichlich Zucker. Das Getränk ist ziemlich dickflüssig und wird in einem silbernen Becher serviert. Der ganze Zucker versetzte mich in einen Rausch, und mir kamen unendlich viele Ideen.«

Zitiert in Currey 2014, S. 123

Vielleicht sollte man einmal einen Zuckerschock in Kauf nehmen, dieses Genussmittel zweckentfremden und in einem Selbstversuch seine Auswirkungen auf Kreativitätsförderung testen.

Im Prinzip muss sich jeder selbst überlegen, ob er bewusstseinserweiternde Rauschmittel wirklich braucht, um Einflüsse und Reize sensibler wahrnehmen zu können, und im gleichen Zug die ungünstigen Nebenwirkungen in Kauf nehmen will. Entweder man greift zu diesen Hilfsmittelchen und hofft, zufällig im berauschten Zustand von der unmittelbaren Umgebung beeinflusst zu werden, oder man geht aktiv auf die Suche und begibt sich in einen Kontext, der allein schon durch seine Umgebung inspirierend wirkt.

Um unsere Webseite für dich optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhältst du in unserer Datenschutzerklärung.