1.4 Originalität

Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum ersten Kapitel: Kreativität.

Der Begriff Original kommt vom lateinischen Wort orgio, welcher »Ursprung« bedeutet. Ein Original hat also etwas Ursprüngliches. Etwas, das es so bis jetzt noch nicht gegeben hat und sich eindeutig von allem anderen unterscheidet. Etwas, das seinen Ursprung nur bei seinem Urheber haben kann. Niemand anderes hätte es auf diese Weise machen können. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass selbst der Urheber das Original nicht noch ein zweites Mal genau auf die gleiche Weise hervorbringen könnte. Es war eben dieser eine Moment, dieser eine Künstler und genau die Umstände, welche zu diesem Zeitpunkt vorherrschten, die dazu führten, dass eben dieses eine Original erschaffen werden konnte. Streng genommen kann ein Original auch nicht in einer Auflage produziert werden. Sobald mehrere exakt gleiche Exemplare eines Objektes bestehen, kann nicht mehr von einem Original gesprochen werden. (Eine Ausnahme bilden hier zum Beispiel Druckprodukte, die mit analogen Techniken produziert wurden, da hier oft auch der Zufall eine Rolle spielt und sich die einzelnen Exemplare ein wenig voneinander unterscheiden, wie zum Beispiel Linolschnitte, Siebdrucke oder Bleisatz.) Von der Originalität eines Objektes kann aber trotzdem noch die Rede sein, auch wenn es mehrere Exemplare desselben Produktes gibt. Es muss dabei nur gewährleistet sein, dass es deutliche Unterschiede zu Bisherigem aufweist und augenscheinlich etwas Neues ist. 

Wie aber erreicht man diese Originalität? Den Grafikdesignern Thomas und Martin Poschauko ist vor ein paar Jahren mit ihrem Buch Nea Machina ein wahrer Klassiker der Kreativitätsliteratur gelungen. In einem Zeitraum von vier Monaten versuchten die Zwillingsbrüder anhand von ein paar wenigen Vorgaben so viele Arbeiten wie möglich zu gestalten. Dabei hatten sie zu jeder Zeit das Ziel vor Augen, jede Arbeit individuell und originell zu gestalten.

»Natürlich lassen wir uns von einer Vielzahl von Einflüssen (wie auch dem Design anderer) inspirieren und versuchen von guten Gestaltern zu lernen«, schreiben die Brüder. »Viele Entwürfe in Nea Machina beziehen sich in irgendeiner Form auf etwas, das es bereits zuvor schon gab, sie zitieren verschiedene Stile und sind auch ein Spiegel unserer Einflüsse und ›Helden‹, wie sie jeder Gestalter hat. Sich vollends davon zu befreien, ist gar nicht möglich. Trotzdem haben wir bei jeder Arbeit den Ehrgeiz, sie zu unserer eigenen zu machen nicht nur bereits existierendes Design zu kopieren.« 

Thomas Poschauko und Martin Poschauko: Nea Machina. Die Kreativitätsmaschine. Next Edition, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2013, S. 193

Es ist also wichtig, sich zwar von anderem beeinflussen zu lassen, dies aber nur bis zu einem gewissen Punkt, um dann loslassen zu können und seine eigene Sache daraus zu machen.

»Lerne von jedem – folge niemandem«, sagte der US-amerikanische Comic-Künstler Scott McCloud einmal ganz passend.

Zitiert in Poschauko / Poschauko 2013, S. 193

Mario Pricken rät dazu, gute Ideen anderer Gestalter genau zu analysieren und diese dann für seine eigenen Projekte zu nutzen.

»Wenn man das Muster einer Idee erkannt hat, kann man diese Struktur nutzen, um sich spielerisch zu unzähligen neuen Ideen inspirieren zu lassen. Natürlich ohne dabei die ursprüngliche Idee zu klauen«, schreibt er in Kribbeln im Kopf.

Mario Pricken: Kribbeln im Kopf. Kreativitätstechniken für Werbung, Marketing & Medien, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2010, S. 34

Man muss also klug ausloten, bis zu welchem Punkt man Einfluss zulässt, und wann man sich dann von den Anregungen zurückzieht, um nicht Gefahr zu laufen, irgendetwas oder irgendjemanden zu kopieren. Das erfordert viel Weisheit, aber im Zweifel würde ich hier sagen: Weniger ist mehr. 

Doch nicht nur das Streben nach Erfolg ist es, was einen zur Originalität antreiben sollte.

»Es ist besser in Originalität zu scheitern, als in Nachahmung Erfolg zu haben«, sagte einmal der amerikanische Schriftsteller Herman Melville.

Zitiert in Wouter Boon: Defining Creativity. The Art and Science of Great Ideas, Amsterdam: BIS Publishers 2014, S. 25 (von mir übersetzt, Original: »It is better to fail in originality than to succeed in imitation.«)

Mit diesem Satz appellierte er an die Ehre der Kreativen. Er sagte nicht, Erfolg habe nur der, der auf Originalität setze und Nachahmung ablehne. Für ihn war es eher eine Frage der Ehre, dass man als kreativ Schaffender niemanden kopiere und seine ganz eigenen Werke erschaffe. Ich bin mir sicher, dass es auch möglich ist, erfolgreich die Techniken und Stile anderer nachzuahmen und damit durchzukommen. Aber die Frage ist, ob man sich in diesem Topf, in dem ein bedeutungsloser Einheitsbrei gekocht wird, wiederfinden will. Vielleicht ist es ja an der Zeit, endlich zu verstehen, dass man als Mensch einzigartig und ein Original ist, und dass man das auch als Künstler und kreativ Arbeitender sein kann.

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