Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum sechsten Kapitel: Abstand.

Seit dem ich mich mit Inspiration beschäftige und seit dem ich alle möglichen Bücher zu diesem Thema gelesen habe, habe ich mir angewöhnt, immer ein kleines Notizbuch und einen Bleistift mit mir herumzutragen. Egal, wo man gerade ist, im Auto, in der Bahn, in einem Meeting, beim Spazierengehen oder eben auch nachts im Bett, es kann immer sein, dass man von einem plötzlichen Einfall, von einer zufälligen Erkenntnis oder von einer göttlichen Eingebung überrascht wird. Wenn man sich dann die Gedanken nicht gleich notieren kann, sind sie einem vielleicht nur kurze Zeit später schon wieder entfallen. Dieter Simon schreibt zwar in seinem Essay Waldlauf, dass Gedanken, die man sich nicht merken kann, auch nicht von großer Qualität seien, ich sehe das aber nicht unbedingt so. Wie wir schon an einigen Beispielen gesehen haben, kommen kreative Durchbrüche ab und zu auch nachts durch Träume zum Vorschein. Wer sie dann nicht gleich notiert, weiß am nächsten Morgen oft nicht mehr, wie die Lösung des Problems aussah.

Der deutsch-österreichisch-amerikanische Pharmakologe Otto Loewi hatte 1921 auch einen nächtlichen Traum, der ihm die Lösung für ein damals aktuelles wissenschaftliches Problem offenbaren sollte. Glücklicherweise hatte er Stift und Papier neben seinem Bett liegen, sodass er sofort alles aufschreiben konnte. Am nächsten Morgen wollte er sich gleich an die Arbeit machen und schaute seine Notizen durch, doch zu seinem großen Entsetzen konnte er das Gekritzel seiner nächtlichen Aufschriebe nicht mehr entziffern. Erinnern konnte er sich natürlich auch nicht mehr, was ihn unheimlich ärgerte. 

Man sollte also nicht nur versuchen, immer etwas zu schreiben bei sich zu haben, man sollte auch nach Möglichkeit die eigenen Notizen immer leserlich und ausführlich aufschreiben. Am besten so, dass ein Unbeteiligter (was man am nächsten Morgen eventuell auch selbst einer ist) das Ganze ebenfalls nachvollziehen könnte. Loewi hatte damals Glück, denn in der nächsten Nacht überraschte ihn noch einmal der selbe Traum und offenbarte ihm wieder die Antwort auf seine Frage. Dieses Mal stand er sofort auf, ging ins Labor und führte den Versuch durch, um sicher zu gehen, dass ihm das Gleiche nicht wieder passieren würde. Leider können wir nicht davon ausgehen, dass uns solche Erkenntnisse immer mehrmals offenbart werden.

In den folgenden Zeilen kann man wieder einmal anhand einiger Beispiele sehen, dass erfolgreiche Künstler ebenfalls auf das Prinzip des Notizbuches zurückgriffen und das teilweise heute immer noch tun. Mason Currey schreibt in Musenküsse über den norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun:

»Mit zunehmendem Alter und abnehmendem nächtlichen Schlaf döste er den Tag über oft vor sich hin. Um die mangelnde Energie auszugleichen, notierte er jeden noch so kleinen Geistesblitz sofort und breitete die gesammelten Notizen dann auf dem Tisch aus, um so an Ideen zu einer Geschichte oder einer Figur zu gelangen.«

Mason Currey: Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2014, S. 181

Arno Frank schreibt in Mehr Musenküsse über den österreichischen Schriftsteller Peter Handke, welcher viel Zeit an der frischen Luft verbringt:

»Handke schreibt unterwegs mit kleiner Schrift in winzige Bücher: Notizen über Lektüren, Wetter oder Wanderwege.«

Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 59

Und über den britischen Musiker Ian Anderson weiß Frank:

»Ideen für Melodien oder Textzeilen kommen ihm in der Regel mitten in der Nacht und werden in einem Notizbuch festgehalten.« 

Currey / Frank 2015, S. 209

Ich denke mir: Was schon so oft funktioniert hat, könnte auch noch einmal funktionieren. Es ist kein großer Aufwand, sich ein kleines Notizheft anzuschaffen, das in eine Jackentasche passt, und man muss dafür auch nicht gleich seinen ganzen Tagesablauf umkrempeln. Warum dem Ganzen also nicht einmal eine Chance geben?

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