Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum ersten Kapitel: Kreativität.

Andreas Reckwitz differenziert in seinem Buch Die Erfindung der Kreativität drei unterschiedliche Strukturierungsformen, wie sich am Neuen orientiert werden kann. Er unterscheidet in:

»das Neue als Stufe (Neues I); das Neue als Steigerung und Überbietung (Neues II); das Neue als Reiz (Neues III).«

Andreas Reckwitz: Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Berlin: Suhrkamp Verlag 2014, S. 44

Sehen wir uns also diese drei Formen der Orientierung am Neuen ein bisschen genauer an. 

Die erste Art des Neuen, das Neue als Stufe, ist immer eindeutig und revolutionär. Es gibt einen unmissverständlichen Einschnitt und etwas Bahnbrechendes tritt an die Stelle des Alten. Eine politische Revolution fällt zum Beispiel unter diese Art des Neuen. Die erste Form

»strebt danach, auf eine Stufe zu gelangen, die eine alte durch eine neue, fortschrittlichere und rationalere Konstellation ein für alle Mal überwindet«, schreibt Reckwitz.

Reckwitz 2014, S. 44

Die zweite Form, das Neue als Steigerung, ist dagegen anders strukturiert:

»Hier wird eine permanente Produktion des Neuen in eine unendliche Zukunft hinein angestrebt.«

Reckwitz 2014, S. 44

Es gibt also nicht nur diesen einen revolutionären Schritt, sondern das Neue kann immer wieder durch etwas noch Neueres überboten werden. Angewandt wird diese Art der Orientierung am Neuen zum Beispiel in der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung. Die Idee des Automobils beispielsweise wird immer wieder überdacht und erneuert, ohne seine älteren Formen ganz aus dem Verkehr zu ziehen (in doppelter Hinsicht).

Die dritte Art der Ausrichtung am Neuen, das Neue als Reiz, strebt – wie die zweite Form – auch eine dynamische Schaffung des Neuen bis in die Unendlichkeit an. Es ist aber nicht die Steigerung oder Überbietung des Alten, sondern die Veränderung an sich und die Abfolge von Reizen, um die es geht.

»Das Neue bestimmt sich hier rein über seine Differenz zu vorhergehenden Ereignissen, über seinen Charakter als willkommene Abweichung vom Üblichen«, schreibt Reckwitz.

Reckwitz 2014, S. 45

Im künstlerisch, gestalterischen Tätigkeitsbereich, aber auch in der Kulinarik, in der Lyrik und in der Musik wird in den meisten Fällen das Neue als Reiz angestrebt. Es wird versucht, das Bekannte so zu verändern, dass es interessant wird und auffällt.

»Die Produktion des Neuen folgt hier nicht mehr dem Modell der politischen Revolution oder der technischen Erfindung, sondern der Kreation von Objekten oder Atmosphären, die die Sinne und Gefühle reizen, so wie es für die Kunst gilt.«

Reckwitz 2014, S. 46

Wie in allen anderen Lebenslagen auch, wird etwas spannend, wenn es Emotionen erzeugt. Ob es einen zum Lachen bringt, oder ob man sich vor Mitgefühl oder Begeisterung in Tränen auflöst, ist zunächst zweitrangig. Wenn etwas erfahrbar wird, mit allen Sinnen wahrgenommen werden kann und unsere Gefühle anspricht, dann wird es interessant. Doch nicht nur Emotionen, sondern auch eine gewisse Diskrepanz ist wichtig, wenn allgemeines Interesse geweckt werden soll:

»Das Neue aber muss, um die Aufmerksamkeit erregen zu können, immer eine Abweichung gegenüber dem Bisherigen und Gewöhnlichen markieren und ein Element des Überraschenden und Unberechenbaren enthalten«, schreibt Reckwitz.

Reckwitz 2014, S. 46

An anderer Stelle geht er sogar noch einen Schritt weiter.

»Man muss auf lustvolle Weise bereit dazu sein, sich im Dissens zur Mehrheit zu befinden: Wenn man es nicht aushalten kann, eine Zeitlang umstritten zu sein, wird man nie ein anerkannter Neuerer werden.«

Reckwitz 2014, S. 232

Und man wird auch nichts hervorbringen, das als Original bezeichnet werden könnte.

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