Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum dritten Kapitel: Einfluss.

Es gibt nichts, das so vielfältig und abwechslungsreich ist wie die Natur unserer Erde. Allein schon die Bandbreite der Flora und Fauna, von der heute im einundzwanzigsten Jahrhundert immer noch ein Großteil nicht erforscht ist, beeindruckt immer wieder und sucht ihresgleichen.

Die Diversität der unterschiedlichen Landschaften unserer Erde ist spektakulär. Von den Weiten der Wüsten in Nordafrika bis zu den schneebedeckten Giganten im Himalaya-Gebirge, und von der unberührten Eislandschaft der Antarktis bis zu den tropischen Urwäldern des Amazonas.

Aber nicht nur das weit Entfernte, auch das vermeintlich Langweilige und Altbekannte direkt vor unserer Tür hat viel mehr zu bieten, als wir denken. Oft scheint uns der Spaziergang im Wald weniger reizvoll als der Kinobesuch am Wochenende, und der Wanderurlaub in den Bergen scheint langweiliger als der Städtetrip nach New York.

Leider lässt uns der Trubel der Stadt, die tägliche Arbeit und das Überangebot an Medien oft die unvergleichliche Schönheit der Schöpfung vergessen. Sie ist in ihrer Schönheit so schlicht und einfach, dass wir uns am liebsten dorthin zurückziehen, wenn wir Ruhe brauchen, und gleichzeitig ist sie so komplex, detailreich und aufregend, dass ein Mensch nie etwas Vergleichbares schaffen könnte. Tatsächlich ist es so, dass die größte Sammlung von frei verfügbaren Reizen direkt vor unserer Nase liegt, wir brauchen nur vor die Türe zu treten, unsere fünf Sinne einzusetzen und zu versuchen, so viel wie möglich aufzunehmen. Es liegt alles bereit.

Zunächst bietet die Natur selbstverständlich Unmengen an optischen Reizen. Eine klare Sternennacht im Sommer zum Beispiel, die die Weite des Universums erahnen lässt, oder ein Sonnenuntergang, der den ganzen Himmel in warme Farbverläufe taucht. Die feinen Details in der Verästelung eines alten Baumes oder die Anzahl an Insekten, die unter einem morschen Holzstück leben. Gigantische Gebirgslandschaften in den Alpen oder die unendliche Weite der Weltmeere.

Auch haptisch können wir endlos viel in der Natur erleben. Die kalte Härte eines glatten Felsen oder die raue Wärme von trockenem Holz. Vielleicht die feuchte Kühle von frischem Quellwasser oder die sanfte Brise, die einem ins Gesicht weht, wenn man den Gipfel eines Berges erreicht hat. Der heiße Wüstensand an den Fußsohlen oder der kalte Schnee an den Händen.

Akustisch beeinflusst uns beispielsweise das Singen der Vögel im Wald oder das Knacken des Unterholzes beim Darüberlaufen. Vielleicht das Rascheln des Laubes im Herbst oder die vollkommene Stille in einer Winternacht, die vom Knistern des Schnees durchbrochen wird.

Olfaktorisch reizt uns vielleicht die warme Frische nach einem Sommerregen oder der beißende Rauchgeruch eines Lagerfeuers.

Und geschmacklich nehmen wir die säuerliche Süße wilder Beeren oder die Salzigkeit des Meeres wahr. Die Liste ließe sich noch ewig weiterführen.

Im Vergleich zu vielen anderen Inspirationsmitteln bietet die Natur Reize, die sich mit allen Sinnen wahrnehmen lassen. Im Freien werden meist drei oder vier Sinne zur gleichen Zeit gereizt, während in anderen Situationen oft nur ein bis zwei Sinne gleichzeitig angesprochen werden. Die Natur bietet daher eine einzigartige Quelle für Einflüsse und sollte viel öfter dafür genutzt werden. In Kapitel sechs werde ich auf das Gehen, besonders in der freien Natur, eingehen. Dies stellte sich für mich als eine gute Art heraus, die Natur in ein tägliches Ritual zu integrieren.

Zum Schluss noch ein Beispiel eines Kreativen und dessen Liebe zur Natur: Für das Buch Vademekum der Inspirationsmittel wurde der Philologe Conrad Wiedemann gefragt, ob er über seine persönliche Inspirationsquelle schreiben könne. Ungeachtet der anderen Verfasser, welche oft mehrere Seiten lange Essays verfassten, brachte es Wiedemann in nur drei Sätzen auf den Punkt:

»Die wenigen lohnenden Gedanken, die ich habe, kommen mir beim Blick auf die Platane vor meinem Fenster. Sie ist ein Traum zu allen Jahreszeiten. Gerade verliert sie ihre Blätter.«

Conrad Weidemann: Platane, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 101

Für mich ist die Natur eindeutig die faszinierendste aller Quellen für Reize, Einflüsse und Anregungen.

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