Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum zweiten Kapitel: Inspiration.

Der Gott, von dem man in der Bibel lesen kann, legt sehr viel Wert auf die freie Meinungsäußerung des Menschen. Immer wieder kann man lesen, dass er sehr viel Hilfe anbietet und sich wünscht, dass diese auch angenommen wird. Letztlich bleibt es aber immer die persönliche Entscheidung des Menschen, ob diese göttlichen Geschenke angenommen werden oder nicht. Gott zwingt einem nichts auf, das entspricht nicht seinem Charakter.

In der Geschichte gab es einige Künstler, die die Inspiration als eine übernatürliche, unerklärliche Macht angesehen haben, der sie hilflos ausgeliefert waren. Sich selbst sahen sie nur als ein Medium, das vom höheren Wesen oder von der Inspiration selbst genutzt wurde, um dessen eigene Interessen in die Praxis umzusetzen. Der US-amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury berichtete zum Beispiel:

»Etwas Neues explodiert in mir und plant mich, ich plane es nicht. Es sagt: Geh sofort zur Schreibmaschine und vollende es.«

Zitiert in Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 170

Und die kanadisch-amerikanische Malerin Agnes Martin erklärte 1997:

»Mein Geist ist leer, damit ich tun kann, was die Inspiration von mir verlangt.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 205

Bereits einundzwanzig Jahre früher beschrieb sie die Inspiration gegenüber einem Reporter ganz ähnlich:

»Inspiration erfordert einen klaren Geist. Sie fährt mitten durch. Wir haben überhaupt keinen Einfluss darauf.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 205

Sicher gibt es auch noch extremere Beispiele, aber zum Teil hören sich diese Berichte der ohnmächtigen Führung überaus zwanghaft an. Zu dem Gott, der im Neuen Testament der Bibel beschrieben wird, passen diese Schilderungen nicht. Er bietet immer nur an und zwingt nie zu etwas. 

Auf der anderen Seite gibt es dann wieder die Künstler, die eher eine demütige Abhängigkeit von der Inspiration beschreiben, ohne die sie behaupten, zu nichts in der Lage zu sein. Durch diese Selbstlosigkeit machen sie sich – aus eigenem Willen – abhängig von der höheren Macht. Sie sind sich sicher, dass ihre Ergebnisse besser werden, wenn sie sich »gebrauchen« lassen. Aus eigener Kraft würden sie nichts Vergleichbares zustande bringen. Und wenn sie sich führen lassen, erfüllen sie gegebenenfalls auch noch einen höheren Zweck mit ihrer Arbeit. Der niederländische Maler Piet Mondrian beispielsweise sagte einmal:

»Die Position des Künstlers ist bescheiden, er ist im Wesentlichen ein Kanal.«

Zitiert in Thomas Poschauko und Martin Poschauko: Nea Machina. Die Kreativitätsmaschine. Next Edition, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2013, S. 199

Ob diese von Eingebungen abhängigen Künstler in ihrer Quelle der Inspiration den Gott der Bibel gesehen haben oder eine andere übernatürliche Macht, kann man nicht genau wissen. Zumindest kann man aber sagen, dass eine selbstlose, demütige Abhängigkeit von etwas in jedem Fall erstrebenswerter scheint als eine zwanghafte Unterwerfung. Das bescheidene Abhängigmachen beinhaltet nämlich immer noch die eigene Entscheidung.

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