Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum sechsten Kapitel: Abstand.

Das trendbehaftete, buddhistisch angehauchte Yoga-Image, das Meditation heute oft hat, führt bei mir zuerst einmal zu negativen Vorurteilen. Ich habe keine Lust darauf, im Schneidersitz auf einer Matte zu sitzen, meine Zeigefinger und Daumen zu Kreisen zu formen und immer wieder langgezogene Ohmm’s von mir zu geben. Das ist mir alles ein bisschen zu esoterisch, und damit kann und will ich nichts anfangen. Dass die Meditation aber auch im Christentum eine lange Tradition hat, und dass es nicht einmal unbedingt etwas mit Religion oder Spiritualität zu tun haben muss, wissen viele nicht. Christliche Mönche empfehlen beispielsweise eine Vorausmeditation, um sich innerlich auf eine Situation vorzubereiten. Das kann etwa so aussehen, dass man zur Ruhe kommt, ins Gebet geht und Gott um seinen Segen für das Anstehende bittet. 

Grundsätzlich geht es bei der Meditation darum, dass der Verstand und das Denken zur Ruhe kommen. Das kann zum Beispiel in Form von Konzentrations- oder Atemübungen geschehen. Frank Berzbach schreibt in Die Kunst ein kreatives Leben zu führen:

»Wer seine Aufmerksamkeit auf den Atem richtet und versucht, seine Atemzüge bis zehn zu zählen, wird bemerken, wie schnell er abschweift. Ständig kommen Gedanken, unser Geist produziert sie laufend. In der Meditation können wir lernen, diese Gedanken von außen zu betrachten und sie loszulassen.«

Frank Berzbach: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen. Anregungen zur Achtsamkeit, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2016, S. 108

Jutta Brückner schreibt in ihrem Essay Atmen:

»Wenn ich auf der Matte liege und atme, ist das ein dem Schlaf vergleichbarer Akt: Etwas ordnet sich, ohne dass ich einen bewussten Anteil daran hätte. Der Schlaf ordnet in der Nacht das Gedächtnis im Kopf, mein Atmen ordnet am Tag das Gedächtnis im Bauch und die unbewussten Wahrnehmungen gleiten auf der Atembahn in mein Bewusstsein.«

Jutta Brückner: Atmen, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 24

Meditation kann also durchaus auch als eine Form der Inkubation gesehen werden. Man fährt runter, versucht die Außenwelt auszublenden und konzentriert sich auf etwas ganz Einfaches, wie zum Beispiel den Atem. Dadurch wird wieder die Chance auf eine Einsicht erhöht. Frank Berzbach warnt aber auch davor, Meditation als Ideenmaschine zu gebrauchen.

»Meditationstechniken sind auch keine Kreativitätstechniken: sie sind der einzige Weg, die Käfige im Kopf zuerst einmal zu erkennen und dann langsam die Stäbe zu lockern. Wer sich konzentrieren kann, seine eigenen Verhaltensmuster kennt, ihnen aber nicht ausgeliefert ist, und wer achtsam agiert, der ist freier«, schreibt Berzbach.

Berzbach 2016, S. 109

Dass Meditationstechniken der einzige Weg sind, die Käfige im Kopf zu erkennen, denke ich nicht. Ein möglicher Weg, das zu tun, sind sie aber auf jeden Fall.

So sahen das auch einige Künstler und machten täglich ihre Übungen. Der US-amerikanische Künstler David Lynch beispielsweise tut das auch heute noch.

In Catching the Big Fish schreibt er, dass er »jeweils vormittags und nachmittags etwa zwanzig Minuten lang« meditiere.

Zitiert in Mason Currey: Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2014, S. 124

Der russisch-amerikanische Schriftsteller Vladimir Nabokov meditierte täglich morgens nach dem Frühstück.

Und der Arbeitstag vom polnisch-deutsch-französischen Maler Balthus »begann stets mit einem Gebet, gefolgt von stundenlanger Meditation vor der Leinwand. Manchmal verbrachte er so den ganzen Tag, ohne auch nur einen einzigen Pinselstrich zu tun«, schreibt Currey in Mehr Musenküsse.

Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 156

Um unsere Webseite für dich optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhältst du in unserer Datenschutzerklärung.