Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum dritten Kapitel: Einfluss.

Das verfügbare Kulturangebot ist heute im einundzwanzigsten Jahrhundert so groß wie nie zuvor. Gerade durch die digitale Entwicklung können wir zu jeder Zeit und an jedem beliebigen Ort auf dieses Sortiment zurückgreifen und uns unterwegs Konzerte, Kinofilme und Gemälde aller großen Künstler anschauen. Jeder hat heute Dienste und Applikationen für digitales Streamen von Musik und Videos auf dem Handy, und das immer und überall. Aber gerade die Tatsache, dass die Kunst eben zu jeder Zeit und an jedem Ort immer greifbar in der Hosentasche ist, bringt sie um ihre Wichtigkeit, und die Achtung vor ihr sinkt. Man schaut schnell während eines Gespräches mit einem Auge auf ein paar preisgekrönte Fotografien oder schaut kurz die Zusammenfassung eines erfolgreichen Hollywoodstreifens an, um auf der Arbeit über die Sieger der letzten Oscar-Nacht Bescheid zu wissen.

Es wird alles nur schnell überflogen und man setzt sich nicht mehr intensiv mit der Kunst auseinander. Eine Fotografie wird nicht mehr gelesen, ein Theaterstück wird nicht mehr interpretiert und ein abstraktes Kunstwerk wird nicht mehr gefühlt. Diese Schnelllebigkeit und dieses halbherzige Interesse wirkt sich dann logischerweise auch auf den (Nicht-)Einfluss der Kunst auf das eigene kreative Schaffen aus.

Besonders das Heraustreten aus der gewohnten Umgebung ist von großer Bedeutung, wenn man sich der ganzen Bandbreite an Reizen im Kunst- und Kulturbereich aussetzen möchte. Was beim Anschauen auf dem Smartphone oder am Laptop definitiv fehlt, ist die Intensität des Erlebten. Vor Ort trägt der Geruch von Kino-Popcorn, das samtige Gefühl der Theatersessel oder der Hautkontakt mit anderen Menschen auf Konzerten zum Gesamterlebnis bei. Die Aura, die von vier Quadratmeter großen Ölgemälden aus dem siebzehnten Jahrhundert ausgeht, kann auch auf einem hochauflösenden Retina-Bildschirm nicht nachempfunden werden. Nur das Original und der entsprechende Kontext kann das. Die Situation wird vor Ort mit viel mehr Sinnen wahrgenommen als nur mit Augen und Ohren und wirkt dadurch viel intensiver und reizvoller.

Für den Quantenphysiker Anton Zeilinger ist genau diese Intensität auch von großer Bedeutung, wenn es darum geht, eine Umgebung zu schaffen, in der er sich inspirieren lassen kann. Er schreibt:

»Für mich funktioniert es in der berühmten kontemplativen Einsamkeit nicht. Für mich kann eine Wanderung am Bach die Szene am Bach in Beethovens Pastorale nicht ersetzen.«

Anton Zeilinger: Intensität, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 67

Genauso wenig würde ihn wahrscheinlich das gleiche Musikstück auf dem Smartphone beeindrucken. Die Intensität ist eben nicht die selbe wie im Konzertsaal. 

Diese reizvolle Intensität kann durch bestimmte Hilfsmittel noch durchdringender und anregender werden, die Wahrnehmung kann dadurch aber auch stark verfälscht und sogar komplett verwässert werden.

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