6.5 Körperpflege

Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum sechsten Kapitel: Abstand.

Das Duschen und das Baden sind sehr bekannt dafür, eine überaus inspirierende Wirkung zu haben. Oft schon hat man gehört und gelesen, wie Leute sagten: »Unter der Dusche habe ich die besten Ideen«, es ist fast schon zu einem Klischee geworden. Der wohl bekannteste Bericht über einen kreativen Durchbruch während der Körperpflege liefert wahrscheinlich die Legende von Archimedes und seinem Heureka-Moment im zweiten Jahrhundert vor Christus. 

Der Astrophysiker Günther Hasinger schreibt in seinem Essay Duschen, dass er die besten Ideen morgens im Badezimmer habe. Wie aus heiterem Himmel würden plötzlich Geistesblitze daherkommen, oft zu Themen, über die er gerade gar nicht nachgedacht hatte. Er meint:

»Vielleicht liegt das daran, dass viele äußere Einflüsse beim Duschen abgeschaltet sind und der Kopf den Gedanken freien Lauf lässt. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Kopf nachts gewisse Themen des Tages im Unterbewusstsein weiterverarbeitet und dann die Gelegenheit unter der Dusche benutzt, diese ins Bewusstsein zu transportieren. Jedenfalls kann ich Duschen als Inspirationsmittel wirklich empfehlen.«

Günther Hasinger: Duschen, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 54

Das Abschalten der meisten Sinne beim Duschen begünstigt das einsichtsvolle Denken, da die Außenwelt komplett ausgeblendet wird. Die Augen sind meist geschlossen, sehen höchstens verschwommen die geflieste Wand oder den Duschvorhang, die Ohren hören nur das stetige Rauschen des Wassers, der Mund bleibt geschlossen um kein Shampoo schmecken zu müssen und der Tastsinn berührt nur Wohlbekanntes. Eventuell könnte man den Ideenfluss sogar noch weiter fördern, indem man die Nase nicht durch sehr stark parfümierte Pflegeprodukte ablenken würde. Das ist aber reine Spekulation meinerseits.

Es gibt Menschen, die behaupten, es komme beim inspirierten Duschen darauf an, dass der Druck des Wassers möglichst stark sei, die Temperatur möglichst heiß und der Strahl möglichst großflächig.

»Solche Duschen, bei denen nur ein laues Rinnsal aus dem Duschkopf kriecht, wirken sich hingegen ungünstig auf den Ideenfluss aus oder lassen ihn ganz versiegen«, betont die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger.

Barbara Stolberg-Rilinger: Duschen, ausgiebiges, heißes, frühmorgendliches, in: Markschies / Osterkamp (Hg.) 2012, S. 56

Andere genießen es einfach nur und duschen immer wieder, wenn sie gerade eine Denkblockade haben.

»Das bricht alles auf und entspannt mich«, meint Hollywood-Star Woody Allen. »Da stehe ich dann unter dem heißen Wasser, dreißig, fünfundvierzig Minuten lang, entwickle Ideen weiter und arbeite an der Handlung.«

Zitiert in Mason Currey: Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2014, S. 121

Der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger setzte auch auf die Körperpflege am Morgen, jedoch nicht auf die heiße Dusche. In sein Tagebuch schrieb er:

»Nach dem meist melancholischen Erwachen das Bad, das die Gedanken lichtet, dank dem Wasser, das jetzt die niedrigste Temperatur erreicht hat: vier Grad Celsius.«

Zitiert in Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 94

Seine Strategie war dann wohl eher nicht die Inkubation, sondern eher der starke Reiz, dem er sich jeden Morgen aussetzte. Immerhin lebte er sehr lange: Er wurde fast einhundertunddrei Jahre alt. 

Die Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit schreibt in ihrem Essay Japanisches Bad über traditionelle heiße Quellen in Japan:

»Schriftsteller verbrachten oft Tage bis Wochen im onsen, um sich inspirieren zu lassen.«

Irmela Hijiya-Kirschnereit: Japanisches Bad, in: Markschies / Osterkamp (Hg.) 2012, S. 73

Der Biograf Jeffrey Meyers schreibt über den englischen Schriftsteller William Somerset Maugham:

»Er fing mit der Arbeit schon an, bevor er sich überhaupt an den Tisch setzte: Noch während er in der Badewanne lag, überlegte er sich die ersten zwei Sätze.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 177

Es gibt also auch hierfür wieder viele Berichte großer Künstler, die die tägliche Körperpflege als Inspirationsquelle nutzten. Auch Ludwig van Beethoven vollzog jeden Morgen ein sehr spezielles und aufwendiges Waschritual.

»Dies waren Momente tiefster Meditation […]«, erinnert sich sein Schüler und Sekretär Anton Schindler.

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 108

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