Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum sechsten Kapitel: Abstand.

Viele kreativ Arbeitende verbringen heutzutage die meiste Zeit ihres Arbeitstages am Schreibtisch. Seien es Architekten, Schriftsteller oder Designer, die meisten sitzen doch hauptsächlich am Rechner. Für diese Menschen kann es zum einen eine wohltuende Abwechslung sein, zwischendurch einer physischen Tätigkeit nachzugehen, zum anderen bietet die Bewegung wieder eine Möglichkeit, den Kopf frei zu bekommen. 

Wolfgang Frühwald, Ehrenpräsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, tut dies, indem er im Winter während des Schreibens immer wieder Pausen einlegt und auf dem Gehweg vor seinem Haus Schnee räumt. In seinem Essay Schneeschaufeln schreibt er:

»Die kleine Pause, gefüllt mit körperlicher Anstrengung, ist erholsam und wohl deshalb eine Quelle frischer Ideen. Zugespitzt formuliert wird das Straßenstück vor unserem Haus deshalb häufiger geräumt als das der Nachbarn, weil es im Rhythmus der stockenden und der fließenden Gedanken gereinigt wird.«

Wolfgang Frühwald: Schneeschaufeln, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 109

In den Jahreszeiten, in denen kein Schnee liegt, befreit er den Gehweg dann eben von Blüten oder trockenem Laub, das die Buche aus Nachbars Garten abwirft. Er schreibt:

»Für den Gebrauch von körperlicher Bewegung und frischer Luft als Inspirationsmittel sorgt die Natur zu jeder Jahreszeit.«

Wolfgang Frühwald: Schneeschaufeln, in: Markschies / Osterkamp (Hg.) 2012, S. 110

Der italienische Komponist Giuseppe Verdi widmete sich neben seiner musikalischen Arbeit sehr erfolgreich der Landwirtschaft, sodass sich ein Besucher einmal sehr verwundert zeigte, dass Verdi zwei derart grundverschiedene Tätigkeiten gleichermaßen effizient betrieb.

»Gerade aus der einen schöpfe ich Kraft zur anderen«, soll Verdi geantwortet haben. »Komme ich geistig ermattet aus meinem Studierzimmer, so erfrischt mich der intime Umgang mit der Natur, wie ihn der Betrieb der Landwirtschaft gewährt, und gibt von Neuem meiner Fantasie und meinem Geiste die Spannkraft zum Schaffen.«

Zitiert in Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 123

Und auch der US-amerikanische Schriftsteller Lyman Frank Baum pflegte einen Wechsel von geistiger und körperlicher Arbeit.

»Am liebsten schrieb er in einem Gartenstuhl auf einem Klemmbrett, dazu eine Zigarette zwischen den Lippen«, weiß Mason Currey. »Oft kehrte er in die Beete zurück und werkelte dort herum, während er gedanklich an Ideen für sein Buch feilte.« 

Currey / Frank 2015, S. 180

Körperliche Arbeit bietet in vielen Fällen eine Übung, in der nicht viel nachgedacht werden muss. Und das banale, monotone Werkeln fördert dann wiederum das einsichtsvolle Denken. Was nicht heißen soll, dass körperliche Arbeit immer monoton und banal ist. Ich denke hier an einfache Dinge wie Rasen mähen, Holz hacken, Reifen wechseln oder Ähnliches. Sicher gibt es noch viele andere Arten, Abstand zur üblichen geistigen Tätigkeit zu gewinnen. Arten, wie man herunterfahren und seinen Geist öffnen kann, wie man die Chance erhöhen kann, Inspiration durch plötzliche Einsichten zu erleben. Ich denke aber, dass dieses Kapitel einen guten Querschnitt durch viele Strategien zeigt, die sich in der Geschichte bei unzähligen großen Künstlern bewährt haben und sich auch heute noch für viele Kreative eignen. Im folgenden und letzten Kapitel wird es nicht um den passiven Abstand zur Arbeit als Inspirationsmittel gehen, sondern um das aktive Tun als Quelle der Inspiration.

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