Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum fünften Kapitel: Einsicht.

John Kounios und Mark Beeman stellen in Das Aha!-Erlebnis fest, dass eine Einsicht häufig laufende Gedankengänge unterbricht. Dieses Phänomen zeige sich am dramatischsten, wenn sich urplötzlich die Lösung für ein Problem präsentiert, über das man in diesem Moment gar nicht nachgedacht hat.

»Wenn auch abrupt wie ein Vulkanausbruch«, schreiben sie, »ist Einsicht doch der Höhepunkt einer anhaltenden Aktivität im Untergrund – der sogenannten Inkubation.« 

Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 40

Begriffsgeschichtlich stammt Inkubation vom lateinischen Wort incubare, was so viel wie »aufliegen« oder »ausbrüten« bedeutet. Im Zusammenhang mit dem Einsichtsbegriff passt die Übersetzung der Ausbrütung auch wie angegossen, denn genau das tut man in dieser Phase der Erkenntnis auch: Man brütet die Idee langsam aus. Wenn man sich in der ersten Phase intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat, seine Vorratsschränke mit allerlei Material und Information gefüllt hat und im Augenblick an der Aufgabe nicht mehr weiter kommt, sollte man Abstand zur Arbeit nehmen und das Problem für eine gewisse Zeit in Ruhe lassen. In dieser Ruhephase hat das Gehirn Zeit zu entspannen und das Unterbewusstsein kann wieder von Neuem ungewöhnliche Kombinationen durchspielen, die das Bewusste im Normalfall durch Erfahrungen und Intellekt von Vornherein ausschließt. Irgendwann bricht dann die Lösung aus dem Untergrund hervor und das Problem scheint sich ganz von selbst gelöst zu haben. 

In dieser Inkubationsphase kommt es aber auch entscheidend darauf an, was man tut. Einfach nur dazusitzen und auf den Moment der Einsicht zu warten, funktioniert nur in den wenigsten Fällen.

»Nein, man muss das Gehirn in der Inkubationsphase beschäftigt halten«, schreibt Wolfgang Klein, »aber mit etwas möglichst Anspruchslosem, Banalem, es nicht weiter Fordernden; nur dann kann es fast alle Ressourcen auf das störend herumliegende ungelöste Problem verwenden.«

Wolfgang Klein: Grußworte, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 65

In der BBC-Dokumentation Horizon – The Creative Brain: How Insight Works bestätigt der US-amerikanische Physiologe und Neurowissenschaftler Jonathan Schooler mit Hilfe eines Experiments die Theorie, dass die banale Tätigkeit sich tatsächlich als die aussichtsreichste während der Inkubationsphase herausstellt. 

Schoolers Versuch ist in drei voneinander getrennte Phasen aufgeteilt. Zunächst einmal sollen die Freiwilligen innerhalb von zwei Minuten möglichst viele Varianten für die Verwendung eines gewöhnlichen Ziegelsteins aufzählen. Nach dieser Zeit beginnt eine zweiminütige Pause, in der die Probanden unterschiedliche Anweisungen bekommen. Die erste Gruppe soll nichts tun und einfach nur die Zeit absitzen. Die zweite Gruppe bekommt eine sehr einfache Aufgabe: Die Probanden müssen Lego-Steine nach Farben sortieren. Und die dritte Gruppe darf in der Zeit ein Haus aus den verfügbaren Lego-Steinen bauen. Eine vergleichbar anspruchsvolle Aufgabe. Nach dieser Unterbrechung widmen sich die Versuchspersonen wieder dem Ziegelstein-Test, wobei bereits genannte Varianten nicht mehr genannt werden dürfen. Das Ergebnis ist verblüffend. 

Die Personen, die in der Ruhephase die anspruchsvollste Aufgabe erledigt haben, schneiden im zweiten Teil der Kreativitätsaufgabe mit Abstand am schlechtesten ab. Auch die Gruppe, die in der Pause gar nichts getan und nur die Zeit abgesessen hat, schneidet vergleichsweise schlecht ab, obwohl man meint, dass die Probanden nach der Pause erholt und bereit für die Generierung neuer Ideen sein sollten. Es ist die banale Tätigkeit des Farbensortierens, die bei den Versuchspersonen offensichtlich die beste Voraussetzung erwirkt, im Anschluss wieder kreativ tätig zu sein. Jonathan Schooler erklärt darauf, dass die Gedanken während der Beschäftigung mit einer banalen Sache beste Bedingungen für das Umherwandern auffinden. Das Unterbewusstsein kann sich ungestört der eigentlichen Aufgabenstellung widmen, während das Bewusste mit der einfachen Übung beschäftigt gehalten wird. Aus diesem Grund ist auch der plötzliche Geistesblitz unter der Dusche so bekannt, da die Tätigkeit der Körperpflege etwas sehr Ritualisiertes ist und keine besondere Aufmerksamkeit erfordert. Die Gedanken können ungestört abschweifen. In Kapitel sechs werde ich genauer auf dieses sogenannte Abschalten und den Abstand zur Arbeit eingehen und anhand vieler Beispiele aus der Geschichte und der Gegenwart mehrere mögliche Vorgehensweisen aufzeigen.

»In Situationen jedoch, die Ideen außerhalb der Box erfordern – das heißt, wenn Sie alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben –, können Sie Reize abschirmen, um die Aufmerksamkeit besser nach innen zu lenken.«

Beeman / Kounios 2015, S. 120

Diese Abschirmung der Reize als besondere Form der Inkubation nennen Kounios und Beeman auch Gehirnblinzeln. Aber um das verstehen zu können, sollten wir uns zunächst einmal ein gewisses Grundwissen über die Funktion des Gehirns im Allgemeinen und die beiden Gehirnhälften im Speziellen aneignen.

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