Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum ersten Kapitel: Kreativität.

Heutzutage will jeder kreativ sein. Wer es endlich geschafft hat und in der Kreativbranche Fuß gefasst hat, darf Bewunderung und hohes Ansehen von seinen Mitmenschen ernten. Das tröstet dann selbstverständlich auch über die generell erwarteten Überstunden und die finanzielle Ausbeutung hinweg, die in Agenturen fast schon zum guten Ton gehören. Aber selbst in den vergleichbar farblosesten und primitivsten Berufsfeldern wird heute von Personalchefs in Bewerbungsunterlagen das Prädikat kreativ verlangt. Jeder will kreativ sein. Jeder muss kreativ sein. Aber was ist Kreativität eigentlich? Die US-amerikanischen Neurologen John Kounios und Mark Beeman versuchen in ihrem Buch Das Aha!-Erlebnis Kreativität zu definieren.

»Psychologen beschreiben sie oft als Fähigkeit, Ideen hervorzubringen, die sowohl neuartig als auch nützlich sind«, schreiben Kounios und Beeman. »Obwohl diese Definition in der Forschung allgemein verwendet wird, halten wir sie für unzureichend. […] Wir definieren Kreativität als die Fähigkeit, etwas neu zu interpretieren, indem man es in seine Bestandteile zerlegt und diese auf überraschende Weise neu kombiniert, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.«

Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 22

Vereinfacht gesagt ist Kreativität also zunächst einmal nur die Fähigkeit, etwas Neues zu schaffen. Ob es nun um das Können geht, neuartige und nützliche Ideen hervorzubringen oder darum, Dinge neu zu interpretieren, indem einzelne Bestandteile neu kombiniert werden, ist zunächst zweitrangig. Wouter Boon schreibt in seinem Buch Defining Creativity:

»Was Kreativität noch komplizierter macht, ist, dass unterschiedliche kreative Bereiche auch unterschiedliche kognitive Fähigkeiten erfordern. Eine Rakete zu erfinden ist offensichtlich nicht das selbe, wie an einer Leinwand zu malen. Und einen Film zu produzieren ist nicht das selbe wie Musik zu komponieren.«

Wouter Boon: Defining Creativity. The Art and Science of Great Ideas, Amsterdam: BIS Publishers 2014, S. 12 (von mir übersetzt, Original: »What makes creativity even more complicated is that different creative domains require different creative cognitive skills. Inventing a rocket is obviously not the same as painting a canvas. And making a film is not the same as composing music.«)

Während des kreativen Arbeitens finden im Gehirn also hochkomplizierte Prozesse statt, die nicht wirklich vereinheitlicht, geschweige denn, nachvollzogen werden können, da sie letztendlich so Unterschiedliches hervorbringen müssen. 

Die Herkunft, beziehungsweise der Ursprung von Kreativität, wirft, trotz großen Fortschritten in der Wissenschaft, immer noch Fragen auf. Neurowissenschaftler, wie Kounios und Beeman, sind ständig auf der Suche, führen unzählige Studien durch, machen Hirnscans an Probanden und schreiben Abhandlungen über das Thema, tappen aber in vielen Bereichen immer noch im Dunkeln. Über Einsichten, also jene Momente, in denen man plötzlich die Lösung seines Problems vor Augen hat und nicht weiß, wo sie herkam, wurde allerdings schon einiges herausgefunden. Aber darauf will ich später in Kapitel fünf noch einmal genauer eingehen. 

Es gibt viele Forscher, die sich den Prozess der Kreativität in der täglichen Anwendung genauer angesehen haben. Plötzliche Geistesblitze sind nämlich

»nur ein kleiner Schritt eines umfassenderen Vorgangs«, schreibt Frank Berzbach in Kreativität aushalten. »Rainer Holm-Hadulla, aber auch andere wissenschaftliche Autoren, unterscheiden fünf Phasen der Kreativität: Vorbereitung, Inkubation, Illumination, Realisierung und Verifikation.« 

Frank Berzbach: Kreativität aushalten. Psychologie für Designer, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2012, S. 18

Zunächst einmal wird also vorbereitet. Das Problem oder die Aufgabenstellung wird genauestens unter die Lupe genommen, damit man nicht am Ende zwar eine Lösung vorliegen hat, diese aber nicht zum Problem passt. Im zweiten Schritt wird losgelassen, sodass das Unterbewusstsein an der Antwort der Frage weiterarbeiten kann. Die Erleuchtung kommt als drittes, entweder als spontaner Einfall oder als Lösung, die langsam aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche gelangt. Die Umsetzung des Ganzen ist vermutlich die zeitaufwendigste und schweißtreibendste Phase der Kreativität. Und am Ende kommt schließlich noch die Verifikation, also die Bestätigung, dass das, was man fabriziert hat, auch wirklich kreativ – also neu und nützlich – ist. Berzbach schreibt dazu:

»Die Durchsetzung einer guten Idee ist ein sozialer Prozess und kein kreativer.«

Berzbach 2012, S. 22

Eine hohe fachliche Kompetenz nützt einem also nur bedingt etwas, wenn man die erarbeiteten Entwürfe nicht auch gut an den Kunden bringen kann. Der zwischenmenschliche Umgang sollte im Prozess der Kreativität nicht unterschätzt werden.   

Bei all den Theorien über diesen Vorgang gibt es aber immer noch eine Sache, die allgemein in Zusammenhang mit Kreativität auftritt und auch stets auftreten muss: die gute Idee. Um Ideen zunächst einmal zu generieren, diese dann zu bewerten und schließlich zu filtern, gibt es verschiedene Techniken, die wir uns im nächsten Abschnitt genauer anschauen.

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