5.5 Hemisphären

Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum fünften Kapitel: Einsicht.

Dass die beiden Hälften des menschlichen Gehirns für unterschiedliche Aufgaben zuständig sind, ist allgemein bekannt. Die linke Gehirnhälfte ist hauptsächlich für das logische Denken und den Sprachapparat verantwortlich. Die rechte Hemisphäre dagegen eher für Kreativität und räumliches Denken. Dieses Modell der strengen Rollenverteilung ist aber ein bisschen veraltet. Wie Gehirnforscher herausgefunden haben, stimmt es nicht, dass die Gehirnhälften jeweils allein verantwortlich für die entsprechenden Bereiche sind. Die beiden Hemisphären spielen sich immer wieder gegenseitig in die Karten. Beim Sprachverständnis zum Beispiel trägt die rechte Gehirnhälfte eine nicht zu unterschätzende Rolle. 

Mark Beeman hat für seine Forschungen in der Neurologie mehrere Patienten untersucht, die zuvor einen Schlaganfall in der rechten Hälfte des Gehirns erlitten hatten. Diese Patienten hatten, im Gegensatz zu Menschen mit Schlaganfall in der linken Hemisphäre, auf den ersten Blick keine Einschränkungen in ihrer Sprache, sowohl bei der Aufnahme als auch bei der Formulierung. Bei genauerem Hinsehen fand Beeman aber heraus, dass diese Personen Schwierigkeiten damit hatten, Dinge »zwischen den Zeilen« zu lesen. Auch Pointen von Geschichten, Witze und Verknüpfungen, die ein gesunder Mensch ohne weiteres erkennt, waren für diese Menschen schwierig zu verstehen. Für dieses Verknüpfen benötigt die analytische Seite des Gehirns also ihren kreativen Zwilling als Unterstützung. 

Soweit so gut. Aber was hat das Ganze mit dem Einsichtsmoment zu tun? Wenn wir etwas mit dem rechten Auge sehen, wird dies bekanntlich zunächst mit der linken Gehirnhälfte verarbeitet, genauso mit dem vom linken Auge Gesehenen und der rechten Gehirnhälfte. Die Kognitions-Neurowissenschaftlerin Christine Chiarello lieferte zu diesem Phänomen mit ihrer Arbeit eine interessante Erkenntniss in Bezug auf den Moment der Einsicht. Sie fand heraus, dass wenn Wörter den unterschiedlichen Gehirnhälften zuerst präsentiert werden, diese Hemisphäre jeweils einen kleinen Vorsprung gegenüber der anderen Seite hat und demnach andere Assoziationen zu dem Begriff hervorgerufen werden.

Wenn zum Beispiel der linken Hälfte »das Wort ›Tisch‹ präsentiert wird, könnte das stark die Begriffe ›Stuhl‹ und ›Küche‹ aktivieren, die üblichen Verdächtigen sozusagen«, schreiben Kounios und Beeman über die Arbeit von Chiarello. »[…] Präsentiert man der rechten Gehirnhälfte das Wort ›Tisch‹, wird eine Vielzahl entfernt dazu in Verbindung stehender Wörter schwach heraufbeschworen. Zum Beispiel könnte ›Tisch‹ entfernte Assoziationen wie ›Betrug‹ hervorrufen – wegen der Redensart ›jemanden über den Tisch ziehen‹ –, ›Gespräch‹, weil Sie an einen runden Tisch oder ›Sport‹, weil Sie an Tischtennis denken, und so weiter.« 

Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 102

Jonathan Schooler führte mit diesem Wissen ein weiteres Experiment zur Funktion der beiden Gehirnhälften durch. Eine auf dem Kopf stehende, perfekt ausbalancierte Pyramide wurde mit der Spitze auf die Mitte eines Einhundert-Dollar-Scheins gestellt. Dieser musste irgendwie befreit werden, ohne dass dabei die Pyramide berührt wurde. Für die Problemstellung gab es nur eine einzige korrekte Antwort, und die musste herausgefunden werden. Nachdem sich die Freiwilligen eine Weile über die Lösung der Aufgabe Gedanken machen konnten, durften sie auf einen vorbereiteten Stuhl sitzen und bekamen Hinweise zur Lösung des Problems vorgesetzt. Ihr Blick sollte dabei geradeaus auf ein Fadenkreuz gerichtet sein. Rechts und links davon wurden aufeinanderfolgend Begriffe kurz eingeblendet, die entweder direkt zur Lösung hinführten oder nichts mit ihr zu tun hatten. Interessanterweise lösten die Probanden die Aufgabe dann, wenn ihnen der richtige Hinweis auf der linken Seite ihres Blickfeldes präsentiert wurde. Die rechte Hemisphäre bekam also den Tipp und konnte ihn mit der Aufgabenstellung verknüpfen. Die Lösung präsentierte sich plötzlich durch einen Moment der Einsicht.

Was dies nun für die Praxis bedeutet und ob wir nun während der Ideenfindung mit einer Augenklappe unser rechtes Auge abdecken sollten, damit Einflüsse direkt über das linke Auge in die rechte Hemisphäre vordringen können und somit auch die Chance auf ungewöhnlichere Kombinationen und Inspiration durch Einsicht erhöhen, weiß ich nicht. Ich wage es zu bezweifeln. Sicher gibt es aber noch ein paar andere Erkenntnisse der Einsichtsforschung, die sich in der Praxis leichter umsetzen lassen. Die Lösung des Pyramiden-Problems war übrigens, den Geldschein zu verbrennen.

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