Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum fünften Kapitel: Einsicht.

»Wir stellen die These auf, dass eine Person, je nach Verfassung ihres Gehirns, eher zu einer einsichtsvollen oder zu einer analytischen Lösung neigen würde, bevor sie überhaupt weiß, was das Problem ist«, schreiben Kounios und Beeman in Das Aha!-Erlebnis.

Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 116

Wenn sich eine Person mit einem Thema beschäftigt, entsteht zunächst einmal eine stärkere Aktivität in den zuständigen Bereichen beider Hemisphären. Wenn zum Beispiel ein Wörterrätsel gelöst werden soll, wappnet sich das Gehirn dafür und legt sich sein Wissen über Wörter zurecht. Um die Möglichkeit für enge aber auch für entfernte Assoziationen offen zu halten, werden eben beide Gehirnhälften aktiviert. Kounios und Beeman haben aber herausgefunden, dass die Intensität dieser beidseitigen Gehirnaktivität von der eigenen Geisteshaltung und von der grundsätzlichen Art abhängt, wie ein Problem angegangen wird.

»Der Unterschied besteht darin, dass für eine Person in einer einsichtsvollen Geistesverfassung alles zu Debatte steht. Nichts ist ganz vom Tisch, jede Idee – egal aus welcher Quelle – wird als mögliche Lösung in Betracht gezogen. Deshalb leuchtet sowohl der linke als auch der rechte Temporallappen auf wie ein Weihnachtsbaum, wenn jemand eine Geisteshaltung der Einsicht einnimmt«, schreiben Kounios und Beeman.

Beeman / Kounios 2015, S. 117

Wie man diese Offenheit der Gedanken erreichen kann, beschreiben sie ganz treffend in einem Gleichnis, das ich hier zum besseren Verständnis noch einmal wiedergeben will.

In einer Schulklasse gibt es zwei verschiedene Arten von Schülern. Es gibt diejenigen, die in der ersten Reihe sitzen, sich bei jeder Frage melden und enttäuscht sind, wenn sie von der Lehrkraft nicht jedes zweite Mal aufgerufen werden oder an die Tafel dürfen. Diese vorlauten Schüler haben auf jede Frage eine schnelle Antwort, die keinem wehtut. Und dann gibt es da die schüchternen Schüler, die eher in der zweiten oder dritten Reihe sitzen und sich hinter den vorlauten verstecken. Sie melden sich nur selten, aber wenn sie drankommen, haben sie oft gute Gedanken und ungewöhnliche Sichtweisen. Sie werden gerne übersehen. Eine gute Lehrkraft entscheidet sich schon vor der Fragestellung dafür, einen dieser schüchternen Schüler dranzunehmen. Sie lässt sich nicht von den hinaufschießenden Händen und den schnipsenden Fingern ablenken. Sie motiviert und ermutigt die schüchternen Schüler so, dass sie mit der Zeit langsam auftauen und sich in Zukunft öfter trauen, etwas zum Unterricht beizusteuern, auch wenn nicht immer alles richtig ist, was sie sagen. 

Genauso funktioniert auch unser Gehirn. Bei einer gestellten Frage melden sich zuerst die lauten, offensichtlichen Ideen, die schüchternen verstecken sich dahinter und trauen sich nicht, etwas zu sagen. Bei einer Geisteshaltung der Einsicht aber entscheidet sich der anteriore cinguläre Cortex – ein Bereich des Gehirns, der mittig im vorderen Teil des Kopfes sitzt –, genauso wie die Lehrkraft im Gleichnis, schon im Voraus dafür, bei der Ideenfindung auch den unsicheren und ungewöhnlichen Gedanken eine Chance zu geben. Kounios und Beeman schreiben:

»So trägt der anteriore cinguläre Cortex entscheidend zur Geisteshaltung der Einsicht bei – wenn diese Hirnregion aktiv ist, sind Sie offen für eine große Bandbreite potenzieller Lösungen, selbst für schüchterne, die zunächst nicht sehr vielversprechend wirken.«

Beeman / Kounios 2015, S. 119

Es ist also ratsam, sich von Vornherein zu öffnen und eine Geisteshaltung der Einsicht einzunehmen, damit alle potentiellen Möglichkeiten offen stehen und sowohl die linke als auch die rechte Gehirnhälfte ihre Chance zur Mitgestaltung bekommt.

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