Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum ersten Kapitel: Kreativität.

Unter einem Genie stellt man sich heute einen dieser klischeehaften, verrückten Wissenschaftler in weißen Kittel vor, die den ganzen Tag an irgendwelchen irrsinnigen Erfindungen arbeiten, wie zum Beispiel Daniel Düsentrieb aus Entenhausen oder Doc Brown, der mit Marty McFly zurück in die Zukunft reiste. Als genial werden heute Menschen bezeichnet, die besonders herausragende Leistungen auf einem bestimmten Gebiet, oft auf dem Gebiet der Kunst oder der Wissenschaft, geleistet haben. Persönlichkeiten wie Aristoteles oder Leonardo da Vinci werden sogar als Universalgenies bezeichnet, da sie in mehreren Bereichen Außergewöhnliches vollbracht hatten. Aber auch die Herkunft und Geschichte des Begriffs ist sehr interessant.

Genie oder Genialität ist auf den lateinischen Begriff ingenium zurückzuführen, was für das angeborene Talent eines Menschen steht. In der Antike wurde eine gewöhnliche, natürliche Begabung, die man angeboren oder von einer göttlichen Macht geschenkt bekommen hatte, als Genie bezeichnet. Dies änderte sich in der Renaissance: Die Genialität einer Person wurde nun so begründet, dass diese in besonderer Weise von Gott inspiriert sei. In Kapitel zwei dieses Buches werde ich auf diese Art der göttlichen Inspiration, wie sie in der Geschichte oft vorkam, genauer eingehen, und in Kapitel vier, wie Inspiration durch den Geist Gottes auch heute noch Relevanz haben kann. Jedenfalls wurden die beiden eher religiös belegten Ansichten des Genies, also dem Ingenium und der göttlichen Eingebung, zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts überwiegend von einer säkularisierten Version des Genie-Begriffs abgelöst. Kreativität bedurfte von nun an keiner äußeren Einwirkung durch ein höheres Wesen mehr, die Genialität kam nun aus dem Inneren des Künstlers selbst: aus dessen Genie. Dieser aus sich selbst schaffende Künstler konnte nun mit seinem Werk nicht mehr nur die Natur nachahmen, sondern das vollenden, was die Natur noch nicht hatte bewältigen konnte. Heute hat der Genie-Begriff keine so große Relevanz mehr wie in der Vergangenheit. Es ist nicht mehr das Talent, das einem zur Geburt geschenkt wurde, die plötzliche Eingebung Gottes oder der aus sich selbst schaffende Künstler. Das Genie ist heute einfach eine Person, die durch besondere Intelligenz, Kreativität, Phantasie und Intuition heraussticht und dadurch Außergewöhnliches leisten konnte. 

Trotz allem gibt es einiges, was wir auch heute noch aus der Geschichte des Genie-Begriffs lernen können. Die Rolle des Künstlers oder des kreativ Schaffenden kann immer noch von großer Bedeutung sein, wenn man zum Ziel hat, etwas zu schaffen, das mit Originalität gewürdigt werden soll.

»Im Zentrum der Genieästhetik steht ein subjektivistisches Zuschreibungsschema der Produktion des Neuen: Sie rechnet das jeweilige Kunstwerk einem individuellen, nichtaustauschbaren ›Schöpfer‹ zu, dessen Psyche mit außeralltäglichen Eigenschaften ausgestattet scheint«, schreibt Reckwitz. »›Genie‹ ist eine Umschreibung dieser Qualitäten.«

Andreas Reckwitz: Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Berlin: Suhrkamp Verlag 2014, S. 61

Man sollte sich also seiner eigenen Fähigkeiten bewusst werden und versuchen, die eigenen Begabungen hervorzuheben. Ich bin mir sicher, dass jeder Mensch mit besonderen Talenten beschenkt ist, die, wenn sie erst einmal ans Tageslicht gelangen, als genial eingestuft werden können. Diese außergewöhnlichen Begabungen gilt es zu entdecken, um sie dann als Alleinstellungsmerkmal für seine Kreationen zu gebrauchen. 

An anderer Stelle schreibt Reckwitz:

»Wenn das Kunstwerk sich durch Originalität auszeichnen will, dann muss auch der Künstler als Schöpfer ein ›Original‹ sein, und beide scheinen durch eine Beziehung des Ausdrucks (Expression) miteinander verbunden: Die Einzigartigkeit des Künstlers drückt sich in der des Werkes aus.«

Reckwitz 2014, S. 62

Diese Originalität des Künstlers geschieht nicht durch ein Verkleiden mit der auffälligsten, schrillsten Mode oder ein Verstecken hinter hohen Mauern, die man sich zum eigenen Schutz vor anderen aufbaut. Diese Einzigartigkeit wird durch die Preisgebung seiner wahren Identität und seiner Persönlichkeit erreicht, denn keiner gleicht in diesen Punkten einem anderen. Und gerade auch die Verletzlichkeit, der man sich durch die Zurschaustellung seiner Person preisgibt, lässt einen nach außen hin echt und nahbar werden. Diese Gefühle und diese Einzigartigkeit werden sich dann auch auf die eigenen Kreationen auswirken und diese schließlich unverwechselbar und außergewöhnlich machen. 

Andreas Reckwitz schreibt, dass das moderne Verständnis des Genies heute weitgehend säkularisiert ist. Genauso ist dies auch beim Begriff der Schöpfung über die Jahre hinweg durch moderne, wissenschaftliche Forschungen geschehen. Aber auch der Schöpfungs-Begriff hat, wie die Genialität, einen religiösen Hintergrund.

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