Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum sechsten Kapitel: Abstand.

Bei meiner Recherche zu diesem Buch, vor allem aber bei der Lektüre der beiden Bücher Musenküsse und Mehr Musenküsse von Mason Currey und Arno Frank ist mir eine Sache sehr deutlich bewusst geworden. Das wahrscheinlich auffälligste Ritual sehr vieler erfolgreicher Schriftsteller, Komponisten, Künstler und anderer kreativ Arbeitender vergangener und heutiger Zeit ist (oder war) etwas eigentlich ganz Banales: das Gehen. Berzbach schreibt in Die Kunst ein Kreatives Leben zu führen:

»Ähnliche, auch wissenschaftlich nachweisbare positive Auswirkungen auf Körper und Geist kann eine ursprüngliche Tätigkeit haben, die ebenfalls ziellos ist: das einfache Gehen, insbesondere in der Natur.«

Frank Berzbach: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen. Anregungen zur Achtsamkeit, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2016, S. 137

Anscheinend hat das Gehen also eine sehr inspirierende Wirkung. Mason Currey schreibt in Mehr Musenküsse:

»Der amerikanische Bühnenautor und Romancier Thornton Wilder verfasste seine Texte beim Spazierengehen – 1928 sagte er sogar, er könne ohne seine ausgedehnten täglichen Runden gar nicht schreiben.«

Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 197

1956 sagte der Schriftsteller dann in einem Interview:

»Meine Inspirationsquelle waren schon immer lange Spaziergänge.« 

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 198

Es gibt viele Beispiele von Künstlern, die durch das ritualisierte, tägliche Gehen für ihre Arbeit profitierten. Der französische Komponist Erik Satie zum Beispiel ging jeden Morgen zu Fuß ins acht Kilometer entfernte Pariser Stadtzentrum und oft nachts die gleiche Strecke wieder zurück, da er häufig seinen letzten Zug nach Hause verpasste.

»Der Forscher Roger Shattuck äußerte einmal die Vermutung, Saties einzigartiges Rhythmusgefühl und sein Sinn für ›die Variationsmöglichkeiten, die durch Wiederholung entstehen‹, ließen sich zurückführen auf das ›ewige Hin und Her durch die immer gleiche Landschaft‹«, schreibt Currey.

Mason Currey: Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2014, S. 37

Charles Dickens machte täglich dreistündige Spaziergänge. Sein Schwager erinnerte sich:

»Wenn er nach Hause kam, schien ihm die Energie aus jeder Pore zu dringen.«

Zitiert in Currey 2014, S. 236

Currey schreibt über den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard:

»Auf den Spaziergängen kamen ihm die besten Ideen, und manchmal hatte er deren Niederschrift so eilig, dass er sie nach seiner Rückkehr am Schreibtisch stehend notierte, noch bevor er Stock und Hut abgelegt hatte.«

Currey 2014, S. 232

Und auch Pjotr Iljitsch Tschaikowski gewann aus seiner Routine, auch wenn er das Ganze etwas zwanghaft betrieb. Sein Bruder schrieb über den russischen Komponisten:

»Irgendwo hatte er irgendwann gelesen, dass man täglich zwei Stunden spazieren solle, um gesund zu bleiben, und er hielt sich stur und fast abergläubisch an diese Regel, als würde er, wenn er fünf Minuten früher nach Hause käme, auf der Stelle krank oder großes Unheil bräche über die Familie herein.«

Zitiert in Currey 2014, S. 212

Doch Currey schreibt, dass Tschaikowskis Zwang in diesem Fall auch eine gute Seite hatte:

»Die Spaziergänge förderten seine Kreativität, und oft hielt er inne, um sich Einfälle zu notieren, die er später am Klavier ausarbeitete.«

Currey 2014, S. 212

Anscheinend kommt es nicht nur darauf an, dass man geht. Der Literaturwissenschaftler Manfred Pfister schreibt in seinem Essay Gehen, dass das Einstellen einer inspirierenden Wirkung auch an der Art und Weise liegt, wie man geht.

»Kein sportliches nordisches Walking, aber auch kein allzu verweilendes Flanieren, sondern ein ausdauerndes und stetiges Ausschreiten, am besten in eine Richtung. […] Im Gegensatz zum Wandern bedarf es dabei keiner besonderen landschaftlichen Reize; sie könnten nur ablenken. […] Besonders gerne folge ich dabei Flussläufen, schon weil dann keine Orientierungsprobleme meine Meditation stören, und am liebsten folge ich ihnen gegen den Flusslauf – ad fontes, zu den Quellen der Inspiration, sozusagen.«

Manfred Pfister: Gehen, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 60

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke behauptet:

»Gehen ist essenziell. Bergaufgehen vor allem.« 

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 59

Ein paar weitere Beispiele berühmter Persönlichkeiten, welche das Gehen zu ihrer täglichen Routine gemacht hatten: Charles Darwin ging dreimal täglich an die frische Luft, einmal kurz vor dem Frühstück, etwas länger vor dem Mittagessen mit dem Hund und um sechzehn Uhr ein drittes Mal für einen halbstündigen Spaziergang. Der Komponist Richard Strauß machte nach dem Frühstück einen Spaziergang für eine halbe Stunde und später am Nachmittag noch einmal. Thomas Hobbes ging nach dem Frühstück an die frische Luft, Andy Warhol spazierte ebenfalls nach dem Frühstück für mehrere Stunden durch New York. Der Schriftsteller Georges Simenon machte seinen täglichen Spaziergang am Vormittag, Joseph Haydn und Friedrich Nietzsche vor dem Mittagessen, wobei Nietzsche seinen zweistündigen Spaziergang durch das Gebirge immer wieder für kurze Notizen unterbrach. Sigmund Freud, Richard Wagner und René Descartes gingen nach dem Mittagessen raus, der Schriftsteller Victor Hugo sogar täglich für zwei Stunden. Ludwig van Beethovens Spaziergang füllten den ganzen Nachmittag, und zusätzlich machte er während dem Komponieren immer wieder Pausen, in denen er auch an die frische Luft ging. Die Schriftsteller Carson McCullers, Honoré de Balzac, Ernst Jünger und Henry James, die Komponisten Benjamin Britten und Sergei Rachmaninow, der Filmemacher Ingmar Bergmann und der Philosoph Arthur Schopenhauer machten ihren Spaziergang immer am Nachmittag, der englische Schriftsteller John le Carré tut das heute noch. Yeats, Kafka und Tolstoi gingen vor dem Abendessen raus und Jackson Pollock spazierte immer abends mit seiner Frau am Strand entlang. Es würde noch unzählige weitere Beispiele geben. 

Eine besondere, etwas andere Form des Gehens (oder vielleicht eher des Laufens) beschreibt der Jurist Dieter Simon in seinem gleichnamigen Essay Waldlauf.Bei dieser Art der Bewegung gehe es nicht um den Sport an sich oder die körperliche Betätigung als tägliches Fitnessprogramm, es gehe beim Waldlauf allein darum, sich inspirieren und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. 

Begonnen wird am frühen Morgen.

Zum einen, da das Blut vor dem Frühstück noch im Kopf ist, zum anderen sei es so, »dass je mehr der Tag gereift ist, desto weniger das Gehirn noch für die Aufnahme von Inspiration befähigt ist.«

Dieter Simon: Waldlauf, in: Markschies / Osterkamp (Hg.) 2012, S. 123

Am besten geeignet für den Waldlauf seien kleine Pfade, abseits der großen befestigten Waldwege, um nicht unnötig vielen Menschen zu begegnen. Im Idealfall bildet dieser Pfad einen Rundweg, damit man sich keine Gedanken über den Verlauf der Strecke machen müsse. Zehn Kilometer wären ideal, da der durchschnittliche Läufer für diese Strecke bei mittlerer Trabgeschwindigkeit etwa eine Stunde bräuchte. Es gehe in jedem Fall darum, möglichst wenigen Ablenkungen ausgesetzt zu sein und dafür ideale Bedingungen zu schaffen.

Simon legt großen Wert darauf, dass es tatsächlich Wälder seien, in denen man läuft, »also nicht irgendein mickriges Gehölz am Stadtrand, eine von Autobahnen durchschnittene Anpflanzung verschiedener Bäume, innerstädtische Parks, Kleingartenanlagen oder Ähnliches.«

Dieter Simon: Waldlauf, in: Markschies / Osterkamp (Hg.) 2012, S. 119

Das Laufen an sich beschreibt er folgendermaßen:

»Während des Laufes öffnet man sich zunächst den optischen, akustischen und olfaktorischen Genüssen des Waldes, also: Bäume, Vögel, Luft. Nach etwa zehn bis fünfzehn Minuten […] kann vorsichtig das zu bearbeitende Thema, der berühmte erste oder der nicht minder berühmte letzte Satz eines Textes, die Form, die Farbe, die Größe des zu schaffenden Werkes aufgerufen werden.«  

Dieter Simon: Waldlauf, in: Markschies / Osterkamp (Hg.) 2012, S. 123

Zusammenfassend kann man festhalten, dass das Gehen (oder allgemein die körperliche Betätigung) in der freien Natur auf keinen Fall schaden kann. Es lohnt sich offensichtlich, sich die vielen kreativen Größen der Geschichte (und der Gegenwart) zum Vorbild zu nehmen und zumindest einmal am Tag an die frische Luft zu gehen. Ob man nun streng nach irgendwelchen Vorgaben jeden Morgen durch den Wald läuft, ob man jeden Abend nach der Arbeit den Umweg durch den Park nimmt oder ob man über den Tag verteilt immer wieder kurze Unterbrechungen einlegt, an denen man einmal um den Block spaziert, sei jedem selbst überlassen. Die Tatsache aber, dass man hinaus geht und sich körperlich betätigt, schadet sicherlich nicht. 

Ich zitiere noch einmal Manfred Pfister, der es in seinem Essay ziemlich genau auf den Punkt bringt:

»Ich bin weder Mediziner noch Psychologe und verstehe auch meinen Körper nicht gut genug, um sagen zu können, was mich bei solchem Gehen in jenen besonderen psychosomatischen Zustand versetzt, der mein Denken, ja sogar meine Sprache beflügelt. […] Ich weiß nur, dass es bei mir funktioniert und mir gerade beim Gehen die besten Einfälle kommen.«

Manfred Pfister: Gehen, in: Markschies / Osterkamp (Hg.) 2012, S. 61

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