Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum dritten Kapitel: Einfluss.

Das einfache Fernsehen hat heute den Ruf, banal und anspruchslos zu sein.

»Fernsehen kennt keine Einstiegsvoraussetzungen und macht träge, nichts ist einfacher als es einzuschalten«, schreibt Frank Berzbach. »Es bleibt, ganz unabhängig vom Programminhalt, immer nur Fernsehen.«

Frank Berzbach: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen. Anregungen zur Achtsamkeit, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2016, S. 95

Auf den Inhalt wird oft gar nicht mehr geachtet, man schaut eben einfach das, was gerade läuft. Eigentlich schaut man häufig nur um des Fernsehens Willen, und nicht, weil gerade etwas läuft, das einen interessiert. Man schaut fern, weil man dabei abschalten kann. Und weil man es eben jeden Abend so macht. 

In Zeiten von Netflix, Amazon Prime und anderen Video-on-Demand-Diensten ändert sich diese Fernsehkultur aber grundlegend. Es wird nicht mehr herumgezappt, sondern nur noch das geschaut, was man auch wirklich in diesem Moment sehen will. Beim Einrichten einer eigenen Wohnung kaufen sich junge Erwachsene oft gar keinen Fernseher mehr oder schließen diesen, wenn sie doch einen kaufen, nicht mehr an das Kabel oder die Antenne an, sondern eben nur noch ans Internet. Kreative und Künstler können nun Kultursendungen über genau die Themen und Schwerpunkte ansehen, mit denen sie sich tagtäglich bei ihrer Tätigkeit beschäftigen. Man kann sich getrost von den Dingen beeinflussen lassen und die Reize aufnehmen, die man auch gerne aufnehmen will. Und das gemütlich zuhause auf dem Sofa. Zunächst klingt das alles sehr verlockend.

Frank Berzbach warnt in Die Kunst ein kreatives Leben zu führen aber genau vor dieser Art von Beeinflussung.

»Gerade das ›anspruchsvolle‹ Fernsehen ist eine perfide Verlockung, weil es suggeriert, es hätte einen Mehrwert«, schreibt er. »Aber gerade die Themenabende über berühmte Schriftsteller, Designer, Musiker oder Künstler halten uns oft davon ab, diese Schriftsteller zu lesen, ins Museum, Kino, Konzert oder Theater zu gehen.«

Berzbach 2016, S. 95

Es wäre also besser, wirklich hinaus in die Kunstmuseen zu gehen und sich die Werke der Künstler anzuschauen, in den Top-Restaurants die genialen Gerichte der Sterneköche zu schmecken und in der Oper die Stücke der großen Komponisten zu erleben. Auch wenn das oft unbequemer, kostenintensiver und zeitaufwendiger ist als auf dem Sofa zu liegen, lohnt sich der Aufwand meist doch. Das Erlebte wird intensiver wahrgenommen, und die Chance auf Inspiration durch Reize wird deutlich höher.

Wenn man dann aber doch einen Abend zuhause bleibt und fern sieht, könnte ich mir vorstellen, dass die vermeintlich banalen, einfalls- und anspruchslosen Sendungen, die die Welt eben so zeigen, wie sie ist, und die zeigen, mit was unsere Gesellschaft sich tagtäglich beschäftigt, vielleicht doch die bessere Wahl wären. Eine Reality-Show, eine Sportsendung oder eine einfache Dokumentation über den Bäcker des Nachbarortes könnte einen vielleicht erfolgreicher zu ungewöhnlichen und originellen Ideen inspirieren als die zwanzigste Sendung über den kürzlich verstorbenen, zeitgenössischen Musiker oder die vierte Staffel der Hollywood-Comedy-Serie.

Oder man macht sich einfach keine großen Gedanken darüber und lässt sich einfach vor dem ins Bett Gehen von den Eindrücken berieseln, wie es der deutsche Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk oft tut.

»Ich benutze das Fernsehen als Gleichgültigkeitsmaschine. Ich schaue so lange auf den Bildschirm, bis der gefühlte Unterschied zwischen einem Papst-Segen, einer pornografischen Dauerwerbesendung und einem Bericht über die Fauna Madagaskars gegen null geht. Dann ist der Zustand erreicht, in dem das Gehirn bereit ist, sich für ein paar Stunden von der Welt zurückzuziehen.«

Zitiert in Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 29

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