Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum zweiten Kapitel: Inspiration.

Jeder kennt diesen geistreichen Moment der Inspiration, wenn sich plötzlich ein Gedanke offenbart und die Lösung eines Problems auf dem Silbertablett präsentiert wird. Jeder kennt das Glücksgefühl und die Wärme, die sich in diesem Moment im ganzen Körper ausbreitet. Und wahrscheinlich gibt es kaum jemanden – zumindest unter kreativ Arbeitenden –, der sich noch nie darüber Gedanken gemacht hat, auf welche Weise er diesen kurzen Moment der Inspiration gezielt herbeiführen oder zumindest begünstigen kann. Es geht um das bewusste Aussetzen in bestimmte Situationen und spezielle reizvolle Umgebungen. Es geht um eine gewisse Erwartungshaltung. 

Doch nicht alle Künstler und Kreative können oder konnten mit solch einer Erwartungshaltung etwas anfangen. Der US-amerikanische Schriftsteller Mason Currey sammelte für seine zwei Bücher Musenküsse und Mehr Musenküsse Berichte, Interviews und Biografien vieler Berühmtheiten und fasste diese in seinen kurzen Texten über die Rituale und Tagesabläufe der einzelnen Personen zusammen. Im zweiten Band, an dem auch der deutsche Journalist Arno Frank mitwirkte, schreibt er, dass der englische Komponist und Dirigent Benjamin Britten »das romantische Klischee des auf die Inspiration wartenden Künstlers« verabscheut haben soll.

»So arbeite ich nicht«, erklärte Britten 1967 in einem Fernsehinterview. »Ich arbeite nach einem strikten Zeitplan. Ich danke oft dem Schicksal, dass ich in einem recht konservativen Elternhaus aufgewachsen und auf eine strenge Schule gegangen bin, wo wir zur Arbeit gezwungen wurden.«

Zitiert in Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 38

Dass man nicht unbedingt mit dem Beginn der Arbeit warten sollte, bis man plötzlich einen bahnbrechenden Moment der Inspiration erlebt, sollte einem klar sein, auch wenn manche Künstler diese Arbeitshaltung durchaus pflegen. Seinen Alltag aber so zu ändern, dass inspirierte Momente wahrscheinlicher werden, und sich willentlich günstigen Situationen für Inspiration auszusetzen, sollte dagegen erlaubt sein und angestrebt werden. Christoph Markschies und Ernst Osterkamp fragten für ihr Buch Vademekum der Inspirationsmittel verschiedene Wissenschaftler und Künstler an, ihre persönlichen Quellen für neue Ideen in kurzen Texten wiederzugeben. In seinem Essay Murnau-Landschaft schreibt der Bauingenieur Heinz Duddeck:

»Und hat nun die Murnau-Landschaft das Denken beflügelt? Ja, sie lässt es wunderbar leicht auf und davon fliegen, in Ketten von Assoziationen zu dem, was man sieht und erlebt. Doch nur, wenn die Fantasie nicht an ein Thema gefesselt ist, wenn Inspirationen nicht erwartet werden.«

Heinz Duddeck: Murnau Landschaft, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 98

Duddeck ist also auch der Meinung, man könne sich durchaus besonders günstigen Umgebungen und Situationen aussetzen und dadurch der Inspiration eine höhere Erfolgsquote ermöglichen. Dabei sollte man aber beachten, dass das Ganze nicht zu gezwungen verfolgt wird. Eine gewisse Erwartungshaltung ist wichtig. Wenn aber einmal kein geistiger Durchbruch erreicht wird, ist dies kein Grund dafür, ganz auf inspirationsfördernede Rituale und Angewohnheiten zu verzichten. 

In ihrer Einleitung schreiben Markschies und Osterkamp:

»[…] Wie jeder kreative Künstler und Wissenschaftler das rare Glück der Inspiration kennt, so kennt er die Hoffnung, es lasse sich die unkontrollierbare Muse gewissermaßen überlisten dadurch, dass man ihr ein gemütliches Ambiente schafft und unwiderstehliche Lockmittel auslegt, auf dass sie ihren Segen reicher und großzügiger spendet und vor allem immer dann, wenn man seiner besonders bedarf.«

Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 14

Den Begriff der Muse, den Markschies und Osterkamp verwenden und der heute allgemeinsprachlich als Synonym für Inspiration gebraucht wird, hat tatsächlich seinen Ursprung in der griechischen Mythologie.

Newsletter

Keine Neuigkeiten, Aktionen und Infos mehr verpassen?
Hier zum Newsletter anmelden.

Durch Absenden deiner eingegebenen Daten willigst du in den Newsletter-Empfang ein und bestätigst unsere Datenschutzerklärung. Du kannst dich jederzeit aus dem Newsletter heraus abmelden oder deine Einwilligung per E-Mail an mail@benjaminwurster.com widerrufen. 



Hier geht es zu unserer Datenschutzerklärung.

* Pflichtfeld

Um unsere Webseite für dich optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhältst du in unserer Datenschutzerklärung.