Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum fünften Kapitel: Einsicht.

Doch zunächst einmal wollen wir die verschiedenen Formen des Problemelösens im Gehirn anschauen. Die Neurowissenschaftler John Kounios und Marc Beeman schreiben in ihrem Buch Das Aha!-Erlebnis:

»Die kreativsten Gedichte, Sinfonien, Gemälde, Erfindungen, Businesspläne oder persönlichen Erkenntnisse setzen sich aus einem allgemeinen Vorrat an Worten, Noten, Farben, Teilen, Prozessen, Schritten oder Gefühlen zusammen.«

Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 23

Über etwas nachzudenken oder ein Problem im Kopf zu lösen bedeutet also, verschiedene vorhandene Bausteine neu zu kombinieren. Durch Erfahrungen und Einflüsse von außen wächst die Zahl der Bausteine; Register und Schubladen füllen sich auf und können in späteren Situationen wieder neu kombiniert werden.

»Was das Produkt kreativ macht«, schreiben Kounios und Beeman, »ist, auf welche Weise diese Elemente neu kombiniert werden – je weniger offensichtlich diese Rekombination, desto kreativer.«

Beeman / Kounios 2015, S. 23

Wirklich Neues besteht also aus einem Arrangement verschiedener vorhandener Bausteine, die noch niemand auf die selbe Weise miteinander verbunden hat. Wenn dieses Zusammensetzen und Rekombinieren innerhalb eines kurzen Augenblicks stattfindet, spricht man vom Moment der Einsicht.

Der zeitliche Umfang des gesamten Prozesses sowie die Emotionen während der Erkenntnis sind laut Kounios und Beeman entscheidend für die Einstufung der Art des Denkens. In ihrem Buch verwenden sie zur Veranschaulichung drei Grafiken, jeweils eine für das analytische Denken, die Einsicht und die Pseudo-Einsicht. Für dieses Buch habe ich diese Grafiken noch einmal rekonstruiert.

»Wenn jemand ein Problem analytisch löst, sammeln sich mit der Zeit Informationen über die Lösung an«, schreiben die Neurowissenschaftler.

Beeman / Kounios 2015, S. 81

Beim analytischen Denken offenbart sich die Lösung also allmählich und ruft keinen emotionalen Ausbruch hervor. Man setzt nicht unbedingt eine große Menge Glückshormone frei, wenn man eine Rechenaufgabe in zweiundzwanzig einzelnen Schritten analytisch gelöst hat und man dem Ergebnis Schritt für Schritt näher gekommen ist.

»Wenn jemand [dagegen] ein Problem durch Einsicht löst, hat er oder sie keine Informationen über die korrekte Lösung, bis die Einsicht eintritt.«

Beeman / Kounios 2015, S. 82

In diesem Fall offenbart sich die Lösung also plötzlich und unvorhersehbar. Diese spontane Erkenntnis bewirkt im Gegensatz zur allmählichen Lösung ein gewisses Glücksgefühl. Die Pseudo-Einsicht als dritte Art des Denkens ist im Grunde ebenfalls eine Lösung durch analytisches Denken, die sich aber durch einen abschließenden Gefühlsrausch wie eine Einsicht anfühlt. Durch den emotionalen Ausbruch als Abschluss der allmählichen Lösungsfindung wird diese Form oft fälschlicherweise als echte Einsicht eingestuft.

Ein Einsichtsmoment muss – wie jede Form der Inspiration – spontan geschehen und kann nicht geplant werden. Oft kommt er sogar ungelegen, in Bezug auf den Ort und seinen Zeitpunkt. Das Unterbewusstsein wird dann plötzlich dazu ermutigt, eine völlig neue Kombination von Bausteinen an die Oberfläche zu bringen und das Problem instinktiv durch Einsicht zu lösen. Kounios und Beeman drücken es folgendermaßen aus:

»Eine spontane Einsicht kann auftreten, wenn Ihre unbewussten Assoziationen angestupst werden, bis etwas tief Vergrabenes oder sogar völlig Neues zum Vorschein kommt.«

Beeman / Kounios 2015, S. 136

Damit aber dieses tief Vergrabene zum Vorschein kommen kann, muss zunächst einmal etwas unter die Oberfläche gebracht werden. Der plötzliche Moment der Einsicht ist nur der letzte Teil eines ganzen Prozesses und kann nicht von den vorangehenden Abschnitten getrennt werden. Wolfgang Klein schreibt in seinem Essay Grußworte:

»Eigentlich ist es nicht ein Moment, sondern – wie Helmholtz beobachtete – eine Folge dreier Phasen: eine erste, in der man intensiv über das Problem nachdenkt und nach Lösungen sucht, eine zweite, in der man sich davon absetzt und das Gehirn ungestört rechnen lässt, und eine dritte, in der der Blitz einschlägt.«

Wolfgang Klein: Grußworte, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 64

Die erste Phase dient der Vorbereitung. Es wird so lange an einer Aufgabe gearbeitet und versucht, eine Lösung dafür zu finden, bis man nicht mehr weiter kommt und eine Pause braucht. In der zweiten Phase nimmt man Abstand und lässt das Unterbewusstsein weiterarbeiten. Mit diesem zweiten Teil, der sogenannten Inkubationsphase, beschäftigen wir uns etwas genauer im folgenden Abschnitt.

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