Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum fünften Kapitel: Einsicht.

Wir wissen nun also, dass beim Moment der Einsicht in der rechten Gehirnhälfte in einem Bereich über dem Ohr ein plötzlicher Ausbruch von EEG-Gamma-Wellen stattfindet. In einem Moment kurz vor der Einsicht passiert jedoch etwas anderes im Gehirn. Der deutsche Neurologe Hans Berger machte in den 1920er-Jahren die Entdeckung, dass bei geschlossenen Augen im Hinterkopf, direkt über der Schaltzentrale der visuellen Wahrnehmung, auffällige Alpha-Wellen aufgezeichnet werden. Alpha-Wellen zeigen, wie wir inzwischen wissen, eine entsprechende Nicht-Aktivität der Nervenzellen an. Der Teil des Gehirns, der für das Sehen zuständig ist, ist also logischerweise bei geschlossenen Augen im Ruhemodus. Wenn die Augen dann wieder geöffnet werden, springt der visuelle Cortex wieder an und liefert wieder höhere Frequenzen, um das Gesehene verarbeiten zu können. 

In Das Aha!-Erlebnis schreiben Kounios und Beeman von ihrer Entdeckung, dass sich etwa eine Sekunde vor dem Moment der Einsicht genau die gleiche auffällige Aktivität von Alpha-Wellen im visuellen Teil des Gehirns ereignen, wie wenn die Augen geschlossen sind.

»Kurz vor einer Einsicht schaltet also eine Region im hinteren Teil des Gehirns auf Alpha-Wellen herunter. Dann beginnt der rechte Temporallappen im Gamma-Rhytmus zu feuern, um das Lösungswort […] zu verkünden. Das ist der Aha-Moment.«

Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 111

Im Moment der Einsicht passiert also im Prinzip das selbe, wie wenn die Augen kurz geschlossen und nach einer Sekunde wieder geöffnet werden. Nur dass dann die schnellen Gamma-Wellen in einem anderen Bereich des Gehirns gemessen werden können.

Dieses kurze Abschalten der visuellen Reize vor einer Einsicht hat sicher jeder schon einmal erlebt. Wenn man eine schwierige Frage gestellt bekommt und man einen kurzen Moment über die Antwort nachdenken muss, schaut man instinktiv auf eine leere Wand oder schließt kurz die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Im Moment kurz vor der Einsicht macht das Unterbewusstsein genau das selbe.

»Der Alpha-Ausbruch ist eine Art Blinzeln des Gehirns«, schreiben die Neurowissenschaftler, »ein Aufmerksamkeitsblinzeln, das das Gehirn kurzzeitig vor visuellen Reizen abschirmt, um Ablenkungen zu verringern. So kann die Aufmerksamkeit die neue Idee finden und ins Bewusstsein schleudern.« 

Beeman / Kounios 2015, S. 114

Man könnte nun also meinen, dass ein kurzes Augenschließen dabei helfen könnte, eine schwierige Aufgabe durch Einsicht zu lösen. Dies stimmt nur zum Teil.

»Das Alpha-Blinzeln in unserem Experiment trat nur etwa eine Sekunde vor jeder Einsicht auf«, schrieben Kounios und Beeman. »Das ist einfach nicht lang genug, um von Grund auf auf die Lösung eines dieser recht anspruchsvollen Rätsel zu kommen. In diesem Fall muss die Lösung bereits vorliegen und – im Unterbewusstsein – warten, bis das Blinzeln Ihnen ermöglicht, sie zu finden.«

Beeman / Kounios 2015, S. 114

Das kurze Schließen der Augen hilft also nur dem Unterbewusstsein, die Lösung an die Oberfläche zu befördern. Die erforderliche Arbeit muss es aber trotzdem vorher erledigt haben. Immer wieder kurz die Augen zu schließen und einen Moment Inne zu halten, kann nach diesen Forschungsergebnissen also nicht schaden und hilft dem Unterbewusstsein vielleicht dabei, den bewussten Verstand mit einer zuvor ausgearbeiteten Idee zu inspirieren.

Um unsere Webseite für dich optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhältst du in unserer Datenschutzerklärung.