Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum sechsten Kapitel: Abstand.

Nicht nur im Schlaf, auch kurz nach dem Aufwachen haben viele Menschen außergewöhnliche Ideen.

»Wenn Sie aufwachen, springt Ihr Gehirn nicht augenblicklich in einen hellwachen Zustand«, schreiben Kounios und Beeman. »Aspekte der jeweiligen Schlafphase können eine Weile anhalten.«

Mark Beeman und John Kounios: Das Aha!-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015, S. 124

Das bedeutet, dass kurz nach dem Aufwachen zum Teil Einsichten entstehen können, welche noch unter dem Teileinfluss der letzten Schlafphase stehen. Es gibt viele Künstler und Kreative, die von dieser Art der andauernden Schlafinkubation berichten. 

Der US-amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright erzählte einmal einer Freundin von seinen nächtlichen Arbeitsstunden:

»Gegen vier wache ich auf und kann nicht mehr schlafen. Aber mein Kopf ist klar, also stehe ich auf und arbeite drei, vier Stunden. Danach lege ich mich wieder hin.«

Mason Currey: Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2014, S. 165

Knut Hamsun, norwegischer Schriftsteller, schrieb in einem Brief:

»Viele meiner Ideen sind mir nachts gekommen, wenn ich nach ein paar Stunden Schlaf aufgewacht bin. In diesen Momenten sind meine Gedanken klar und hochsensibel.«

Zitiert in Currey 2014, S. 181

Der deutsche Cartoonist Thomas Körner meint ebenfalls, dass ihm erste Ideen oft schon kurz vor dem Aufwachen kämen.

»Dann tingelt das Hirn im Leerlauf rum und denkt allen möglichen Quatsch vor sich hin«, meint er.

Zitiert in Mason Currey und Arno Frank: Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich / Berlin: Kein & Aber AG 2015, S. 148

Und die Professorin für Kognitive Ethnologie Julia Fischer schreibt in ihrem Essay Morgenstunde von ihren Halbschlafphasen kurz nach dem Aufwachen:

»In der Zwischenzeit, nicht mehr schlafend und doch nicht ganz wach, steigen aus dem Patmos meiner Gedanken die besten Ideen auf. Lösungen für Probleme, über denen ich lange gebrütet habe, geben sich zu erkennen.« 

Julia Fischer: Morgenstunde, in: Christoph Markschies und Ernst Osterkamp (Hg.): Vademekum der Inspirationsmittel, Göttingen: Wallstein Verlag 2012, S. 95

»Oft waren [die günstigen Einfälle] des Morgens beim Aufwachen da«, berichtete der deutsche Physiologe und Physiker Hermann von Helmholtz 1891 in einer Rede zu seinem eigenen siebzigsten Geburtstag.

Zitiert in Beeman / Kounios 2015, S. 46

Und auch der US-amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury hatte morgens beim Aufwachen die besten Ideen:

»Dann liege ich im Bett und lausche auf meine Stimmen. Ich nenne es mein Morgentheater; es ist in meinem Kopf. Und meine Figuren reden miteinander, und wenn ein gewisser Grad an Aufregung erreicht ist, springe ich aus dem Bett, renne hinterher und fange sie ein, bevor sie weg sind.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 170

Arno Frank schreibt in Mehr Musenküsse über die morgendlichen Rituale des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq:

»Es sind die Minuten kurz nach dem Erwachen, in denen er sich die erste von vielen Zigaretten anzündet und mit dem Schreiben beginnt. Der Zeitung Le Monde sagte er einmal, im Zustand des Halbschlafs fühle er sich ›besser, freier, weniger kontrolliert.‹«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 86

Wie man also an all diesen Beispielen sehen kann, spielen die ersten Minuten nach dem Aufwachen eine entscheidende Rolle für die kreative Arbeit. Man sollte sich in dieser Zeit alles gut merken, denn die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Bahnbrechendes entsteht, ist überdurchschnittlich hoch.  

Auch das bewusste frühe Aufstehen kann eine mögliche Strategie sein, sich bewusst diesem tranceartigen Halbschlafzustand auszusetzen. Der karibische Dichter Derek Walcott steht normalerweise zwischen halb vier und fünf Uhr morgens auf. Er schreibt:

»Ich liebe die dunkle Kühle und erfreue mich an der Pracht der aufgehenden Sonne. Zusammen mit einer Tasse Kaffee und dem Text, an dem ich gerade arbeite, entsteht eine kultische Atmosphäre, ja, etwas Religiöses.«

Zitiert in Currey / Frank 2015, S. 203

Jutta Brückner, Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung, nutzt ebenfalls die ersten Stunden nach dem Aufstehen, um an ihren Texten zu arbeiten. Sie schreibt:

»Nach dem Aufstehen und dem Frühstück setze ich mich sofort an den Computer. Ich darf mich nicht waschen, wenn ich dem Gehirn die Arbeit der Nacht entlocken will, die Worte und Bilder, die der Schlaf aus den Wahrnehmungen des vergangenen Tages geformt hat. Das ist genug Material für zwei bis drei Stunden, dann ist der Vorrat erschöpft.«

Jutta Brückner: Atmen, in: Markschies / Osterkamp (Hg.) 2012, S. 23

Es gibt also viele Beispiele großer Namen, die den Halbschlaf oder die frühen Morgenstunden genutzt haben, da sie zu dieser Zeit besonders kreativ waren. Ein Nachteil dieser Halbschlafphasen ist jedoch, dass viele gute Ideen leider wieder vergessen werden, wenn sie nicht sofort notiert werden.

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