Dieser Text ist Teil der Diplomarbeit von Benjamin Wurster »Über Inspiration. Anregungen und Gedanken«. Alle Texte dieses Projektes werden unter der Kategorie Diploma veröffentlicht. Wer einen Überblick über die gesamte Arbeit bekommen möchte, beginnt man am besten beim Vorwort. Dieser Text gehört zum sechsten Kapitel: Abstand.

Die wenigsten Menschen können heutzutage selbst bestimmen, wo und wann sie ihre Berufstätigkeit ausüben. Viele arbeiten weit weg von zuhause und müssen nach Feierabend noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Rush-Hour kommen oder stehen mit dem Auto noch stundenlang im Stau. Wenn sie dann zuhause sind, sind sie so kaputt, dass sie einfach nur noch den Fernseher einschalten und sich den Rest des Abends berieseln lassen. Und das wird dann Abschalten genannt. An der Arbeitskultur unserer Gesellschaft können wir zunächst nichts ändern, an unserer Abschalte-Kultur jedoch schon. Streng genommen ist dieses Sich-abends-vor-dem-Fernseher-berieseln-Lassen sowieso kein Abschalten (im Sinne von Herunterfahren), sondern eigentlich eher das Gegenteil. Frank Berzbach schreibt dazu in Die Kunst ein kreatives Leben zu führen:

»Was gewöhnlich als ›Abschalten‹ bezeichnet wird – Fernsehen, Sport, Geselligkeit – ist […] oft nur ein Weglaufen vor unangenehmen Gefühlen.« 

Frank Berzbach: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen. Anregungen zur Achtsamkeit, Mainz: Verlag Hermann Schmidt 2016, S. 95

Viele Menschen empfinden das Alleinsein als sehr unangenehm. Es macht sie nervös und sie brauchen immer etwas, das ihnen das Gefühl gibt, in Gesellschaft zu sein. Musik, Radio, Fernsehen oder Podcasts werden sofort angemacht, wenn die Wohnung betreten wird. Es wird telefoniert, auf sozialen Netzwerken gepostet, und am besten ist jeder Abend vollgeplant und das Wochenende mit Freunde-treffen ausgebucht. Gerade aber im Alleinsein – ohne Medien, die auf einen einprasseln, ohne Kollegen oder Freunde, die sich immer wieder zu Wort melden, und ohne irgendwelche Reize, die einen durchgehend ablenken – kann unser Gehirn auf Ruhemodus schalten und das Unterbewusstsein die Gedanken ordnen. Durch die sogenannte  Inkubationsphase wird Inspiration durch Einsicht überhaupt erst möglich. Natürlich ist es kontraproduktiv, wenn man sich total abschottet, immer alleine ist und überhaupt keinen Kontakt zur Außenwelt hat, aber darum geht es hier nicht. Es geht vielmehr darum, sich immer wieder für einen bestimmten Zeitraum zurückzuziehen und seinen Geist zur Ruhe kommen zu lassen. 

In der Vergangenheit haben sich sehr viele Künstler und Kreative lange und intensiv mit dem Abstand zu ihrer Arbeit beschäftigt und sich über die Jahre hinweg Rituale und Gewohnheiten angeeignet. In den folgenden Abschnitten schauen wir uns viele dieser Beispiele an und versuchen Positives für den eigenen Alltag zu übernehmen und Negatives außen vor zu lassen. Eine Sache gibt es zumindest einmal, bei der jeder Mensch für sich alleine ist und zwangsweise abschalten muss.

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